Jan Josef Liefers' Bruder : Martin Brambach, der bekannteste Unbekannte

Komisch, aber nie lächerlich, böse, aber nie fies: Begegnung mit dem unauffälligen Fernsehstar Martin Brambach - der "Tatort"-Snob Jan Josef Liefers mal ganz schön auf die Nerven ging.

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Martin Brambach in der ZDf-Komödie "Neue Adresse Paradies".
Mit prekären Verhältnissen kennt sich Martin Brambach bestens aus, nicht nur in der ZDF-Komödie „Neue Adresse Paradies“.Foto: ZDF

Der Ausdruck „schallend lachen“ muss für Martin Brambach erfunden worden sein. Sein Humor ist ansteckend, zumal er auch gerne über sich selbst lacht. Etwa wenn er vom Casting für „Inglourious Basterds“ erzählt. Danach habe ihn Quentin Tarantino umarmt, und der Regisseur habe ihm versprochen: Wir sehen uns. „Da dachte man für einen Moment: Jetzt geht die Weltkarriere los“, sagt Brambach. Und lacht schallend. Gesehen hat er Tarantino nie wieder.

Es wehen kräftige Böen ums Eck beim Café Eckstein in Recklinghausen, aber die Sonne scheint, Brambach ist gut gelaunt, seine bescheidene Haarpracht flattert lustig in alle Richtungen, und geraucht werden kann hier draußen auch. Brambach grüßt hin und wieder vorbeikommende Bekannte, aber nicht einmal in seiner Wahl-Heimat im Norden des Ruhrgebiets ist allen Menschen der Name des bekanntesten Unbekannten des deutschen Fernsehens geläufig. Frage vom Nachbartisch nach dem Interview: „Wer war das noch, mit dem Sie gerade gesprochen haben? Den kenne ich aus dem Fernsehen.“ Danke für die Pointe.

Weit über hundert Filme und Serien-Auftritte seit 2001: Martin Brambach, so scheint es, ist überall, in Krimis sowieso, in Komödien, Dramen und auch in Oscar-prämierten Kinofilmen wie „Das Leben der Anderen“. Brambach hat nichts gegen Hauptrollen, aber „mit ein paar Pinselstrichen einen Menschen darzustellen, hat oft einen hohen Unterhaltungswert, den man mit einer Hauptrolle gar nicht erreichen kann“, sagt der 45-Jährige. Der in Dresden geborene Schauspieler ist ein unauffälliger Typ, der auffällt, weil er auch aus kurzen Auftritten etwas Besonderes zu machen versteht. Er spielt Verlierer, die komisch, aber nie lächerlich sind. Oder Bösewichte, die fies, aber doch zum Lachen sind. Typen mitten aus dem Leben, geerdet, glaubwürdig und, ja, berührend.

Mal über seine Verhältnisse leben

Das gilt auch für Filme, die nicht in die Geschichte eingehen werden wie die heutige ZDF-Komödie „Neue Adresse Paradies“. Brambach spielt einen Mann, der seine Frau und Stieftochter liebt, aber in den Ruin treibt. Die Patchworkfamilie verliert das Haus und sucht notgedrungen einen Campingplatz auf, wo sie auf Leidensgenossen trifft und um eine neue Chance kämpft. Eine sympathische Geschichte mit komischen Momenten, aber der Film zielt etwas aufdringlich mitten ins Herz. Nicht zuletzt dank Brambach hält sich der Schmerz jedoch in den dick aufgetragenen Szenen in Grenzen. „Vorbereitung ist alles, und die Arbeit an den Texten ist das Wichtigste. Ich habe noch nie das gesprochen, was geschrieben war“, erklärt Brambach. Und über seine Rolle sagt er: „Mal über seine Verhältnisse leben – das kenne ich auch sehr gut.“

Brambachs Biografie gäbe tatsächlich einen üppigen Filmstoff her: zwei Väter, ein verborgener „Bruder“, Ausreise in den Westen, schnelle Theaterkarriere, Schulden, gescheiterte Ehe, Neustart – aber der Reihe nach. „Ich hatte eine glückliche Kindheit in der DDR“, sagt Brambach, der aus einer Theaterfamilie stammt. Die Mutter: Heidi Brambach, Kostümbildnerin. Der Vater: Karlheinz Liefers, Schauspieler und Regisseur. Als Martin sechs Jahre alt ist, zieht die Familie von Dresden nach Ost-Berlin, Prenzlauer Berg. Mit zwölf entdeckt er Unterlagen in einem Schrank, und der Vater eröffnet ihm, dass er gar nicht sein leiblicher Sohn sei. „Da ist man emotional natürlich sehr aufgewühlt, aber ich habe meinem erziehenden, mittlerweile verstorbenen Vater sehr viel zu verdanken. Er war mein Vater, und mein leiblicher Vater ist auch mein Vater“, sagt Brambach. Den habe er später kennengelernt und habe zu ihm ein gutes Verhältnis.

Karlheinz Liefers hat in Dresden einen leiblichen, drei Jahre älteren Sohn als Martin, es ist Jan Josef Liefers. Brambach: „Jan durfte uns nie begegnen, und als er mal da war, durfte er nicht sagen, wer er ist. Das war für ihn wahnsinnig schwer, weil ich den Vater hatte, den er nicht hatte. Später war es für mich toll, einen älteren Bruder zu haben.“ Als Jan Josef Liefers auf die Schauspielschule nach Berlin ging, ist ihm Brambach hinterhergelaufen und, wie er sagt, „wahrscheinlich auf die Nerven gegangen“. Er habe ihm Gitarre spielen gezeigt und wie man selbst Zigaretten drehe. „Wenn wir uns heute sehen, freuen wir uns, aber es ist kein gewachsenes familiäres Verhältnis.“ Dennoch nennt Brambach Liefers seinen „Bruder“. Ein einziges Mal standen beide zusammen vor der Kamera, bei der Sat-1-Großproduktion „Das Wunder von Lengede“.

Rasante Theaterkarriere

1984 siedelt Brambach nach Hamburg über. Bei der Ausreise helfen Briefe von Franz Josef Strauß und Egon Bahr an die DDR-Führung. Seine Mutter, ein „Reisekader“, war zuvor wegen eines anderen Mannes im Westen geblieben. Nach einem halben Jahr hat Martin Brambach das Hamburger Gymnasium satt und schmeißt die Schule ohne Abitur. Regisseur Manfred Karge, ein Freund der Familie, holt ihn ans Schauspielhaus Bochum. Es folgt eine verblüffend rasante Theaterkarriere, Brambach spielt in Bochum und Köln, wechselt im Wendejahr 1989 mit Anfang 20 zu Claus Peymann ans Wiener Burgtheater, arbeitet mit Regisseuren wie George Tabori, Einar Schleef und Karin Henkel.

Er heiratet, wird Vater und lebt auf zu großem Fuß. 1999 wirbt ihn Thomas Ostermeier für die Berliner Schaubühne ab, Dreijahresvertrag mit Einheitsgage, aber Brambach steigt vorzeitig aus. Der Schulden wegen. „Nach zwei Jahren war mir klar: Ich muss drehen, ich kriege das sonst nicht hin. Und dann kam dazu, dass meine Ehe in die Brüche ging. Berlin hat mir nicht gutgetan“, sagt Brambach. Seine Ex-Frau zog mit dem Kind in die alte Heimat zurück, weshalb er seit Jahren regelmäßig nach Wien pendelt.

Mit der Schauspielerin Christine Sommer lebt er nun in Recklinghausen. Beide haben sich bei „Tatort“-Dreharbeiten kennengelernt. Christine Sommer, auch eine Wienerin, hat zwei Töchter aus erster Ehe, und 2010 kam noch ein gemeinsamer Sohn zur Welt. Wenn einer weiß, was Patchwork bedeutet, dann ist das wohl Martin Brambach. Und das viele Drehen, so scheint es, hat ihn ein bisschen gerettet. „Es ist so ein Privileg, beschäftigt zu sein. Das hat nicht nur mit Können, sondern auch mit Glück zu tun, und man sollte das Glück nicht überstrapazieren. Man sollte anschauen, was man macht, und zusehen, dass man besser wird“, sagt er.

„Neue Adresse Paradies“, Donnerstag, 20 Uhr 15, ZDF

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