Journalismus statt Opposition : Zhanna Nemzowa arbeitet für die Deutsche Welle

Zuflucht und Zukunft in Bonn: Zhanna Nemzowa, Tochter des ermordeten Kreml-Kritikers Nemzow, wird freie Reporterin beim deutschen Auslandssender

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Morddrohungen haben Zhanna Nemzowa gezwungen, Russland zu verlassen.
Morddrohungen haben Zhanna Nemzowa gezwungen, Russland zu verlassen.Foto: dpa

Zhanna Nemzowa ist die älteste Tochter des im Februar in Moskau in Sichtweite des Kremls erschossenen Oppositionsführers Boris Nemzow. Wie es heißt, war die 31-jährige Papas Liebling. Von ihm hat sie nicht nur die schwarzen Augen und das naturkrause dunkle Haar geerbt, sondern offenbar auch das Interesse für Politik. Von August an wird sie es bei der Deutschen Welle als freie Reporterin ausleben können. „Sie wird mit ihrer klaren Haltung und ihrer Bekanntheit unser erfolgreiches russisches Angebot weiter verstärken“, sagte Intendant Peter Limbourg der AFP. Nemzowa selbst sagte der Nachrichtenagentur, die Deutsche Welle sei für viele Menschen in Russland eine „vertrauenswürdige Informationsquelle“. Sie sei erfreut, in der russischsprachigen Redaktion des deutschen Auslandssenders in Bonn ihre journalistische Erfahrung nutzen zu dürfen, „wie ich das in Russland nicht mehr gekonnt hätte“.

Gemeint waren Morddrohungen, die sie im Mai zum Verlassen Russlands zwangen. Bis dahin hatte die 31-Jährige Sendungen bei RBK moderiert, Politiker und Wirtschaftsexperten interviewt, darunter auch den eigenen Vater. Der kleine, aber feine TV-Kanal ist ein Ableger der gleichnamigen Wirtschaftszeitung. Sie erschien zwischen 2007 und 2014 in Zusammenarbeit mit dem deutschen „Handelsblatt“. Mit Radio indes hat Nemzowa, abgesehen von einem 17 Jahre zurückliegenden Praktikum beim kritischen Echo Moskwy, bisher keine Erfahrung. Doch das wichtigste Kapital, das Nemzowa nach Bonn mitbringt, ist ohnehin nicht das journalistische, sondern das genetische. Die DNA, die für russische Karrieren schon öfter Treibmittel war. Beispiel: Marija Gaidar, die Tochter von Jegor. Ihn ernannte Boris Jelzin 1991 zum ersten Regierungschef des postkommunistischen Russlands, Zhannas Vater Boris Nemzow sechs Jahre später zum Ersten Vizepremier. Auch ihren Kindern standen dadurch alle Türen für den Weg nach ganz oben weit offen.

Erst Elite-Schule. dann Elite-Universität

Zhanna wie Marija besuchten in Moskau zunächst dieselbe Elite-Schule, dann studierten sie an Elite-Universitäten. Zhanna Management und danach Jura. Anfang der Nullerjahre, als Papas Partei – die neoliberale Union der Rechten Kräfte (SPS) – noch in der Duma vertreten war, arbeitete sie als Assistentin der Fraktionsführung, designte für ihren Vater eine Website und leitete den SPS-Jugend-Business-Club. Ehemalige Mitglieder behaupten, sie habe sich schon damals leidenschaftlich für Wertpapiere interessiert. Auch das womöglich DNA-bedingt: Mutter Raissa soll seit Jahren sehr erfolgreich an russischen Börsen spekulieren. Seit 2007 verdient auch Zhanna selbst damit ihr Geld. Als Vizepräsidentin der Investment-Gesellschaft Mercury Capital Trust, die sie zusammen mit ihrem frisch Angetrauten, dem 15 Jahre älteren Banker Dmitri Stepanow, gründete.

Politisch war sie weniger erfolgreich als die Gaidar-Tochter Marija, die mit spektakulären Anti-Putin-Aktionen Schlagzeilen machte, inzwischen im ukrainischen Odessa dem zum Gouverneur ernannten Ex-Präsidenten Georgiens Michail Saakaschwili als Beraterin dient. Zhanna dagegen fuhr bei Wahlen zum Moskauer Stadtparlament, wo sie 2005 für die Neoliberalen kandidierte, das zweitschlechteste Ergebnis ein. Blass blieb sie auch bei anderen oppositionellen Bündnissen und den Massenprotesten nach den umstrittenen Parlamentswahlen 2011, bei denen der Vater an vorderster Front kämpfte.

Der neugeschaffene Solidarnosc-Preis für Menschenrechte, den Nemzowa im August für ihren „Einsatz für Demokratie und Menschenrechte“ entgegennehmen soll, wie Polens Außenminister Grzegorz Schetyna es formulierte, ist daher vor allem eine Ehrung für den ermordeten Vater. Elke Windisch/Moskau

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