Korrupte Journalisten? : Warum die Glaubwürdigkeit der Medien international leidet

Wer jüngste Umfrageergebnisse bündelt, kommt um die Einsicht kaum herum, dass das Vertrauen der Nutzer in Massenmedien einen Tiefstand erreicht hat.

Stephan Russ-Mohl

54 Prozent der Deutschen halten die Medien für „korrupt oder sehr korrupt“, hat soeben Transparency International im Rahmen seiner jährlichen Befragung herausgefunden. Zum ersten Mal stehen die Medien dabei schlechter da als die öffentliche Verwaltung und das Parlament. In einer Allensbach-Umfrage bewegen sich Journalisten im Blick auf ihr berufliches Ansehen seit Jahren in schlechter Gesellschaft von Politikern und Bankern, weit abgeschlagen von Ärzten und Krankenschwestern, Lehrern und Handwerkern, die die Spitzenpositionen im Ranking belegen.

Auch die Amerikaner beklagen sich heftig über Leistungsabfall und Glaubwürdigkeitsverluste der Medien. Ein knappes Drittel von ihnen, so ermittelte kürzlich das Project for Excellence in Journalism (PEJ), hat deshalb bereits seinen Nachrichtenanbieter gewechselt. In einer vorangehenden PEJ-Studie beklagten 80 Prozent der Amerikaner, Journalisten würden häufig von „mächtigen Personen oder Institutionen beeinflusst“ und 75 Prozent, sie seien „nicht in der Lage, faktengetreu zu berichten“. Ergänzend wartete das Pew Research Center soeben mit einer Umfrage auf, wer aus Sicht der amerikanischen Bevölkerung am ehesten einen „Beitrag zum Allgemeinwohl“ leiste: Das Militär sowie Lehrer und Ärzte führten diese Rangliste an, auf den letzten Plätzen landeten Journalisten, Manager und Rechtsanwälte.

Woher kommt das? Einmal gewiss durch die Umwälzungen, die das Internet mit sich gebracht hat. Seitdem die Publika online „alles gratis“ erwarten und die Werbetreibenden bei Google, Facebook & Co zielgruppengenauer ihre Adressaten erreichen als mit herkömmlichen Massenmedien, werden die Sparzwänge für viele Redaktionen immer absurder. Vor allem der journalistische Nachwuchs und freie Mitarbeiter werden gnadenlos knapp gehalten – und sind auf zusätzliche Einkommensquellen angewiesen, um zu überleben. In den Redaktionen selbst ist weit weniger Recherche-Kapazität vorhanden als früher. Das tägliche Bombardement mit Pressemeldungen und PR-Botschaften, die in die Medien „reingedrückt“ werden, hat sich dramatisch verschärft. Zudem ist im Vorfeld der Redaktionen eine Grauzone entstanden: Vielfach lässt sich Journalismus nicht mehr trennscharf von Öffentlichkeitsarbeit abgrenzen, weil freie Mitarbeiter in beiden Bereichen tätig sind. Und clevere PR-Strategen zwingen obendrein die „alten“ Massenmedien zur Berichterstattung in ihrem Sinne – zum Beispiel mithilfe von „Guerilla Marketing“, bei dem sie im Cyberspace Blogger und soziale Netzwerke einspannen, um Themen zu setzen, welche die immer noch einflussreicheren traditionellen Medien schließlich aufgreifen müssen.

Vermutlich rührt der Glaubwürdigkeitsverlust des Journalismus aber auch daher, dass Journalisten gerne mit zweierlei Maß messen: Von anderen fordern sie jederzeit Rechenschaft und Transparenz ein; wenn es ums eigene Geschäftsgebaren geht, mangelt es indes gerade an diesen Tugenden. Ein groß angelegtes vergleichendes Forschungsprojekt unter Leitung von Susanne Fengler (TU Dortmund) hat in zwölf europäischen und in zwei arabischen Ländern der Frage nachgespürt, wie sich Journalisten zu ihrem eigenen Fehlverhalten stellen. Die kürzlich präsentierten Ergebnisse sind in ihrer Zweideutigkeit sehr erhellend.

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