Moral-Drama : Quälverwandtschaften

Stefan Krohmer und Daniel Nocke bringen im Fernsehfilm wieder mal Wohlstands-Paare auseinander. Ein leises und spektakuläres Drama zugleich - was auch am Mut einer Barbara Auer liegt.

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Mein Mann weiß Bescheid. Heike (Barbara Auer) und Peter (Heino Ferch), der beste Freund ihres Gatten, haben in dem TV-Moraldrama eine leidenschaftliche Affäre. Foto: SWR
Mein Mann weiß Bescheid. Heike (Barbara Auer) und Peter (Heino Ferch), der beste Freund ihres Gatten, haben in dem TV-Moraldrama...Foto: SWR/Patrick Orth

Der erfolgreiche Bauunternehmer und anerkannte Wohltäter, der scheinbar selbstlos vom Reichtum abgibt, die schöne Frau an seiner Seite, die in der Betreuung seiner sozialen Projekte aufgeht, ihr alter Freund, der mit seiner ebenso schönen Frau in der Edel-Villa des Unternehmers zum Essen eingeladen ist – Peter, Christa, Andreas, Heike also. Ein ganz normaler Abend von vier Wohlstandsbürgern, alle Anfang 50, alle so weit glücklich. Gepflegte Tischgespräche. Man kennt sich. Aber was passiert, wenn man feststellen muss, dass der allerbeste Freund Kinderpornografie vertreibt oder, nicht ganz so schlimm, Spendengelder für behinderte Menschen missbraucht, um sich damit ein Prachtprotzhaus hinzustellen?

Der Film „Verratene Freunde“ lässt sich nicht viel Zeit, diese menschlich-allzumenschliche Frage in den Raum zu werfen. Das gemeinsame Abendessen entgleist, als Christa ihrem Mann nach eingeschenktem Rotwein plötzlich vorwirft, sie zu betrügen und nebenbei auch noch Spendengelder zu veruntreuen. Gegen das, was nun folgt, was das Grimme-Preis-gekrönte Gespann Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) für die nächsten 90 Minuten entworfen hat, sind die Streitszenen und Beziehungsdispute aus Polanskis Kinofilm „Gott des Gemetzels“ ein Kinderspiel.

Vertrauen, Betrug, Beziehung, Denunziation, persönliche Integrität, so ziemlich alles steht auf dem Spiel, was zwei Paare zusammenhalten kann. Andreas, ein Schulleiter mit klaren moralischen Prinzipien, drängt Peter, das veruntreute Geld zurückzugeben, am besten gleich das ganze Haus. In der nächsten Szene, wumm, liegt Peter mit Andreas’ Frau Heike nackt im Bett und knurrt: „Seit ich ihn kenne, guckt Andreas auf mich runter. Wie kommt er eigentlich dazu, was soll das, wer ist er? Schulleiter, na und, bin ich sein Schüler? Stellt er mir ein Zeugnis aus? Wer gibt ihm das Recht, in meinen Job reinzuquatschen?“

Man ahnt, hier werden keine Rücksichten mehr genommen. Das Drama nimmt seinen Lauf, wobei auch der Zufall eine Rolle spielt. Was dürfen gute Freunde? Wann sollen sie sich einmischen? Wann besser raushalten? Andreas, zentrale, tragische Figur des Films, wieder mal nuanciert-grandios gespielt von Matthias Brandt, ist sich dieses Zwiespalts bewusst. Als Andreas von Heikes leidenschaftlicher Affäre mit seinem besten Freund erfährt, zuckt er mit den Mundwinkeln, versucht noch ein Arrangement und kriegt von Heike verbal auf die Fresse. „Nach dem halben Jahr mit Peter könnte ich nie mehr mit dir leben, völlig ausgeschlossen.“ Noch mal: wumm.

Halb zieht es den Betrogenen, halb sinkt er hin, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit, die Presse zu informieren, den smarten, jahrelangen Spendengeld-Betrüger, den jahrelangen Freund und Fremdgeher endlich zu überführen. Wer ist hier gut, wer böse? Wer handelt lauter, ohne eigene Interessen zu verfolgen? Vielleicht wäre Andreas auch gerne mal im Bett gelandet mit Christa, Peters Frau; eine Seelenverwandte offenbar. Das alles anklingen zu lassen, gleichzeitig in der Schwebe zu halten, ist auch das Verdienst von Matthias Brandt, Katja Riemann, Heino Ferch, Barbara Auer. Viel besser, viel interessanter kann ein Fernsehfilm hierzulande nicht besetzt werden. Was auch am Mut einer Barbara Auer liegt, die Sexszenen mit Schauspielern jenseits der 50 laut Interview zuletzt für kein Tabu hält. „Ich möchte auch nicht unbedingt älteren Menschen beim Sex zugucken, manchmal aber finde ich es dennoch wichtig, es zu zeigen.“

Kurzum: Was Nocke und Krohmer hier wieder aus der Kiste „Szenen einer Ehe“ geholt haben, in stahlgrauen, fröstelnden Bildern eingefangen von der Kamera Patrick Orths, gehört filmisch zum Besten bislang in diesem Jahr. Und setzt eine schöne Werkgeschichte fort. Das feine Ausloten zwischenmenschlicher Dramen im Stile einer Farce von Botho Strauß, das Auseinanderdriften von eigentlicher Motivation und faktischem Handeln der Figuren, das Eindringen gesellschaftspolitischer Fragen in den Privatbereich, diese Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch Nockes und Krohmers Schaffen.

„Verratene Freunde“ ist da am ehesten noch vergleichbar mit dem Film „Ein toter Bruder“ (2005), wo das Thema Betrug/Korruption sowie jahrelange, zurückgehaltene Schuldvorwürfe unter Freunden die gute Gesellschaft genauso unvermittelt trifft wie der Betrugsvorwurf und die damit verbundene Loyalitätsfrage Peter, Christa, Andreas und Heike. Das Gute daran: Eindeutige Antworten, das richtige moralische Handeln gibt es in diesen äußerst klugen Filmen nie. Wie im richtigen Leben.

„Verratene Freunde“, Arte, 20 Uhr 15

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