On the Road again : Europa im Rollkoffer

Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad brechen zur "Europa-Safari" auf und rechnen mit den Brüsseler Bürokraten ab.

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Auf der Reise durch Europa eint Broder (r.) und Abdel-Samad der Spott. Foto: ARD
Auf der Reise durch Europa eint Broder (r.) und Abdel-Samad der Spott. Foto: ARDFoto: HR/Preview Production

Brennende EU-Fahnen in Griechenland, Demonstrationen in Spanien, Austrittspläne in Großbritannien: Die Europäische Union hat schon bessere Tage gesehen. Trotzdem, oder gerade deshalb, holt Henryk M. Broder zum nächsten Schlag aus: „Wir leben in einer Europadiktatur“, schilt er die Brüsseler Bürokraten. Längst verlören die sich in unübersichtlichem Klein-Klein. Sinnbild dieser Entwicklung ist für Broder, das betont er im ARD-Vierteiler „Europa-Safari“, der Rollkoffer, mit dem die Delegierten von Sitzung zu Sitzung pendeln.

Gemeinsam mit dem ägyptischen Politologen Hamed Abdel-Samad (40) und Hündin Wilma hat sich der 66-Jährige auf die Reise gemacht, um ein Stimmungsbild des kriselnden Kontinents einzufangen. Nach zwei Staffeln der „Deutschland-Safari“ knöpfen sie sich in der Gemeinschaftsproduktion des Hessischen Rundfunks (HR) mit dem Saarländischen und Bayerischen Rundfunk nun also Europa vor. „Die Antworten auf unsere Probleme liegen nicht mehr im eigenen Land, also mussten wir aus dem alten Format ausbrechen“, erklärt Esther Schapira, Redakteurin des HR.

In der Deutschlandtour, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Fernsehpreis, stellte sich die Bestandsaufnahme noch als Summe extremer Positionen dar. Bei der „Europa-Safari“ hingegen steht vor allem eines im Mittelpunkt: Der Paragrafenwald namens Europäische Union.

Ausgehend vom Willy-Brandt-Flughafen in Berlin wird von einem Europa erzählt, das mit Wohlstand auf Pump seine alte Größe erhalten will. Dabei hat Broder, der große Polemiker, in Abdel-Samad einen ähnlich scharfzüngigen Mitspieler, etwa wenn der von der EU als „Flatrate-Bordell für Impotente“ spricht. Zu häufig sei beiden Anspruchsdenken ohne Leistungsbereitschaft begegnet.

Über Straßburg fahren sie nach Auschwitz, danach weiter nach Italien und Island. EU-Beamte lassen sie ebenso zu Wort kommen wie Prostituierte und Autohändler. Seine stärksten Momente hat das Format, wenn es den scheinbar unbedarften Fragestellern gelingt, die gedanklichen Grenzen ihrer Gesprächspartner zu offenbaren. So sagt Lothar Bisky über seine Arbeit im EU-Parlament allen Ernstes: „Ein bisschen habe ich auch Interesse daran.“ Und Parlamentspräsident Martin Schulz gesteht ein, dass die EU als Staat zu undemokratisch wäre, um in die Union aufgenommen zu werden. Durch diese Mischung von offiziellen und improvisierten Gesprächen, ernsthafter und satirischer Beobachtung gelingt ein kritisches Europabild, das so schrill ist wie ihr zugepflasterter Volvo Kurt.

Gegen den Mainstream stellen sich Broder und Abdel-Samad dabei nicht in erster Linie stilistisch, sondern in ihrem Plädoyer für mehr Liberalismus. Während viele Politiker predigen, mehr Kompetenzen an die EU zu geben, fordern die Reisepartner mehr Eigenverantwortung für die Bürger. „Ich freue mich auf die Zeiten, in denen Europa wieder um die Demokratie kämpfen muss“,sagt Abdel-Samad zynisch.

Die „Seele Europas“ ist für die Protagonisten daher weniger das ideologische Bekenntnis zu demokratischer Gemeinschaft und Solidarität, sondern die gut gemeinte, aber überbordende Regulierungswut der Europäischen Union. Oder wie Broder es formuliert: Das Klackern der Rollkoffer.Christopher Weckwerth

„Entweder Broder – Die Europa-Safari!“, ab Sonntag, ARD, 23 Uhr 50

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