Porträt : Das Historiker-Model

Doppelleben: Jochen Voit, Autor einer Ernst-Busch-Biografie, war „Mystery Detective“ im Privatfernsehen.

Christian Bartels
Foto: picture-alliance/ dpa

Kürzlich erschien eine neue, detailversessene Biografie des 1980 in der DDR verstorbenen Sängers, Schauspielers und Regisseurs Ernst Busch. Wenn Szenen daraus bei Lesungen mit verteilten Rollen vorgetragen werden – etwa die über linke westdeutsche Studentinnen, die in den 70ern gern Sex zu Busch-Platten hatten – gibt das ein großes Hallo im Publikum. Das liegt nicht nur daran, dass manchmal Katharina Thalbach als Vorleserin mit dabei ist. Der Autor des 360 Seiten starken Buches über den kommunistischen Schauspieler und Sänger ist selbst ein Performer, den man aus dem Privatfernsehen kennen könnte: Jochen Voit war der „Mystery Detective“ in „Galileo Mystery“, dem etwas berüchtigten „Wissenskrimi“ freitagabends auf ProSieben.

66 Folgen gab es von 2007 bis 2009, viele sind auf myvideo.de, dem Videoportal der ProSiebenSat1 AG, noch online abrufbar. Da lässt sich ansehen, wie der weiterhin als „Galileo“-Moderator aktive Aiman Abdallah mit zwei Assistenten Geheimnissen der Weltgeschichte nachging: wer König Artus oder Jack the Ripper waren, oder ob es eigentlich Werwölfe gibt. Joachim Kerzel, die deutsche Synchronstimme von Jack Nicholson, formulierte raunend Rätsel, die dann binnen einer dreiviertel Stunde gelöst wurden.

Der eine Assistent sollte, so ProSieben damals, „historische Dokumente sichten und Legenden auf ihren Wahrheitsgehalt untersuchen“ – und wurde als Historiker gecastet. Er bekam einen Anruf, erzählt Jochen Voit heute: „Wenn Sie so aussehen wie auf Ihrem Foto im Internet, sollten Sie sich für den Job bewerben“.

Damals hatte der Berliner gerade den Internetauftritt erinnerungsort.de gestartet, um seine Ernst-Busch-Forschungen voranzutreiben. Er benutzte die Webseite als „digitalen Leitzordner“. 24 ausführliche Interviews mit Zeitzeugen und Texte von weit über 100 Songs, die Ernst Busch einst sang, sind dort weiterhin nachzulesen. Lebenslauf und Foto von Jochen Voit gibt es am Rande auch zu sehen. Auf dieser Basis wurde er für ProSieben besetzt.

„Ich war da natürlich ein Historiker-Model“, sagt Voit heute. Er habe die Sendungen nicht vorbereitet, bloß darauf geachtet, dass korrekt war, was er selbst sagte. Die geheimnistuerische, möchtegern-mysteriöse Inszenierungsweise der Berliner „Story House-Productions“ (einer 50-prozentigen „Spiegel TV“-Tochter) hat den Sendungen in Internet-Foren Spott und sogar Persiflagen in der Pro Sieben-Satire „Switch reloaded“ eingebracht („Sibel Balta und Jochen Voit üben seit Stunden bedeutungsschwangere Blicke“).

Weil Geschichte ja immer auch gern mit Staub assoziiert wird, wurde auf die Bücher Heilerde gekippt, die im Licht schöne Effekte ergab, wenn man die Seiten aufblättert, erzählt Voit heute. Dass sich in den Büchern selbst eigentlich kein Staub befindet, darauf habe er schon aufmerksam gemacht. Aber das änderte nichts. „Es gab aber Folgen, bei denen wir auf dem aktuellen Stand der Forschung waren“, zum Beispiel die über den großen Postraub in England, sagt er. Dummerweise lief die beim Publikum schlecht, wahrscheinlich weil der Mystery-Faktor gering war.

Besonders erfolgreich war die Folge, in der Abdallah und Voit „nachwiesen“, dass die Amerikaner 1969 trotz anderslautender Gerüchte wirklich auf dem Mond gelandet waren. Manchmal streitet er sich noch mit Kollegen, ob das nicht Verdummung war, sagt Voit. Er selbst würde das nicht sagen. Die Idee sei schon gut gewesen, nur „bei der Umsetzung war viel Luft nach oben“, zumal die Produktion wegen ihres Erfolgs auch unter Zeitdruck geriet. Als die Sendung 2009 eingestellt wurde, war er schon ausgestiegen. Jochen Voit hatte erst mal Geld genug verdient, um mit der Busch-Forschung weiterzumachen.

Ernst Busch (1900-1980) ist seit zehn Jahren Voits Thema, mit dem er auch am Historischen Institut in Jena dissertierte. Bei ehemaligen DDR-Bürgern höheren Alters ist Busch noch gut bekannt und im Filmmilieu als Namenspatron einer bekannten Schauspielschule geläufig. Was Voit an ihm fasziniert: wie Busch als Sänger von Gassenhauern in den frühen 1930er Jahren „eine spezifisch deutsche Art der Popkultur mitprägte“, die durch die Machtübernahme der Nazis aber leider wieder abgebrochen wurde. Sie sollte wiederentdeckt werden. Deshalb hat Jochen Voit gleich noch eine CD mit der einzig erhaltenen Konzertaufnahme herausgebracht („Ernst Busch 1960 live in Berlin“).

Voit ist durch den privaten Fernsehsender ProSieben immer noch ein bisschen populär. Wenn er im Berliner DDR-Museum, in dessen wissenschaftlichem Stab er mitarbeitet, Führungen gibt, erkennen ihn manchmal Schüler und wollen sich mit ihm per Handy fotografieren lassen. Als Buchautor ist er jetzt wieder manchmal im Fernsehen, neulich etwa im MDR-Kulturmagazin „Barbarossa“. „Mit seinen eigenen Texten aufzutreten, ist schon etwas ganz anderes“, sagt er. ProSieben habe sich übrigens noch nicht für sein Ernst-Busch-Buch interessiert.

Und seine Zukunft? Falls sich mal Gelegenheit bieten sollte, im Fernsehen Geschichte über Geschichten zu erzählen, „auf weniger dröge Art als Guido Knopp“, würde Voit das ganz gern tun. Aber „eine Sendung, deren Konzept mich heute interessiert, wäre vermutlich doch besser bei 3sat aufgehoben“.

Jochen Voit:

Er rührte an den Schlaf der Welt.

Ernst Busch

Die Biographie.

Aufbau-Verlag.

Berlin 2010.

360 Seiten, 24,95 €.

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