Porträt : Das Leben ist seine Kunst

Gleisbauer, Bierlieferant, Straßenmusiker: Ungerade ist der Weg von Axel Prahl zur Schauspielerei. Jetzt wollen ihn regelmäßig zehn Millionen Zuschauer sehen.

Katja Hübner
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Sieht echt aus. Axel Prahl ist beliebt beim Publikum.Foto: ARD

In der Hufelandstraße in Berlin scheint die Sonne. In den Cafés, wo sich eins an das andere reiht, trinken die Leute morgens ihren Cappuccino. Sie lassen es sich gut gehen in dem Kiez, wo sich zwischen Designershop, Kosmetik und Bioladen die Alltagsprobleme angenehm besprechen lassen. Axel Prahl wohnt um die Ecke in der schattigen Zubringerstraße für dieses Idyll. Autos mit brausendem Motor und Straßenbahnen rattern an ihm vorüber, Menschen rennen zur Arbeit, es ist staubig und windig. Wo der Lärm tost, ist sein Balkon im dritten Stock mehr Accessoire als Grillparadies. Hier braucht man für ein wenig Stille schallschutzdichte Fenster. Vor ein paar Monaten ist Axel Prahl an diesen Ort zurückgekehrt. In Brandenburg hatte er für seine Familie ein Haus gekauft, im Grünen und mit Weite. „Da war es dann doch ein wenig zu ruhig für mich“, sagt er. Dort, wo viel Luft ist, ist nicht unbedingt viel Leben.

Axel Prahl ist 49 Jahre alt. Er ist klein, aber er trägt flache Schuhe. Den Bauch hat er unter einem weiten, schwarzen Sweatshirt mit Reißverschluss versteckt. Sein Haar zeigt graue Schläfen, sein Gesicht ein paar Falten. Die blauen Augen sind ungetrübt und leuchten immer noch wie die eines jungen Mannes, der alles über das Leben erfahren will. „Ich weiß nicht, was für morgen bleibt, ich weiß nur mehr als gestern“, lautet sein Leitspruch, und so genießt er sein Dasein aus vollen Zigarettenzügen heraus. Er ist Mitglied der Genussinitiative-Berlin.de, die sich für das Rauchen in Lokalen „mit Kennzeichnung“ einsetzt. Vor kurzem machte er bei einer „Tatort“-Premiere den „Helmut Schmidt“ und paffte in einem Münsteraner Kino, wofür er 35 Euro Strafe zahlen musste. „Ich bin lieber mit 80 Jahren gestorben und hatte ein glückliches Leben, anstatt immer zu denken: ‚Ich muss dies und muss das‘ und sitze dabei nur zu Hause, um vielleicht 90 zu werden.“

Die Pokermentalität passt gut zu seiner neuen Rolle. Im aktuellen Fernsehfilm „12 Winter“ spielt Axel Prahl den Bankräuber Klaus Starck, der zusammen mit seiner Knastbekanntschaft Mike Roth (Jürgen Vogel) zwölf Jahre lang, immer im Winter, insgesamt 30 Banken überfällt. Für ihn, der sonst in Münster als „ Tatort“-Kommissar Frank Thiel ermittelt, war die Täterrolle eine spannende Abwechslung. „Vielfältiger“, sagt er. Als Räuber nimmt er verschiedene Identitäten an, Namen und Masken. In einer Szene sitzt er an der Bar eines Hotels, mit Hut und Schnauzer, nippt an einem blaufarbigen Cocktail, in einer anderen verschlingt er selbst geschmierte Wurstbrote auf einem Hochstand im Wald. Tarnung ist die beste Form der Täuschung. Und die wiederum ist die hohe Kunst des Schauspielers.

Als er im Jahr 2002 in Andreas Dresens Spielfilm „Halbe Treppe“ einen genügsamen Würstchenverkäufer aus Frankfurt (Oder) spielte, dachten alle, er käme aus dem Osten. Dabei wurde Axel Prahl im westdeutschen Eutin geboren und wuchs in Neustadt, Ostholstein, auf. Als Schüler sang er im Kirchenchor. Die engagierte Kantorin ermöglichte ihm kostenlosen Gitarrenunterricht, ein Grund, weshalb der Schauspieler immer noch die Kirchensteuer bezahlt. Eigentlich wollte er Pastor werden. „Ich dachte, da muss ich nur einmal die Woche arbeiten“, sagt er und lacht darüber tief und anhaltend. Nachdem er sein Lehrerstudium Musik und Mathematik nach fünf Semestern hinschmiss, begann für ihn eine Zeit, die er „Erlebnisbereich“ nennt. „Ich war sehr offen für möglichst unterschiedliche Eindrücke aller Art.“ Er arbeitete als Gleisbauer, Kellner, Getränkelieferant. Er lernte Menschen aus den verschiedenen Milieus kennen. Mit einem schweigsamen Zwei-MeterMann fuhr der 1,63 Meter große Prahl in einem Siebeneinhalbtonner Bier aus. Mitunter kam es vor, dass er mit zwei Kisten Flensburger bis in den siebten Stock eines Hochhauses laufen musste, weil der Fahrstuhl kaputt war. „Da kriegt man dann Mucki“, resümiert Prahl.

In einem Erlebnispark war er am Westerngrill beschäftigt. Als ihm dort zwei verbrannte Würstchen vom Lohn abgezogen wurden, hat er auf den Putz gehauen: „Ihr könnt mich mal. Macht doch euren Scheiß alleine.“ Das klingt nach seinen Filmfiguren. Nach Frank Thiel zum Beispiel, der sich im „Tatort“ als bodenständiger, Fahrrad fahrender Kommissar gegen den Golf spielenden Rechtsmediziner Boerne im Cabriolet durchsetzen muss. Ungerechtigkeiten sind nichts für ihn.

Vielleicht ist Schauspieler auch der falsche Begriff für jemanden, der einiges vom Leben mitbekommen hat. Axel Prahl muss nichts zur Schau stellen, weil er vieles, was er spielt, selbst erfahren hat. Er kann fühlen, was andere nur nachahmen. Vermutlich ist er auch gerade deshalb so beliebt: Man erkennt sich in ihm wieder.

„Auf Umwegen lernt man die Landschaft kennen“, sagt der Gebrauchtwarenhändler Willenbrock im gleichnamigen Film von Andreas Dresen, in dem Prahl die Hauptrolle spielt. Ein Satz, der auch zu seiner Biografie passt. Zur Schauspielschule in Kiel ging er nur sporadisch. „Ich glaube, dass man den Beruf Schauspieler nicht erlernen kann“, sagt er, „das kommt aus dem Bauch heraus. Entweder man hat eine Präsenz oder nicht.“ Während seiner Studienzeit war er drei Monate lang als Straßenmusiker im Süden Spaniens unterwegs. Er lebte von der Hand in den Mund. „Das war die wichtigste Erfahrung in meinem Leben. Da hast du den ganzen Tag wie hier die Leute vor der Kaufhalle gestanden und abends von den zehn Mark, die du eingenommen hast, die Übernachtung bezahlt.“ Einmal hat es eine Woche lang geregnet. Er war auf die Hilfe fremder Leute angewiesen. „Eigentlich müsste das jeder mal mitmachen, dann würde es auf der Welt solidarischer zugehen.“ Axel Prahl hat in dieser Zeit erfahren, was es heißt, ganz unten zu sein. Und gleichzeitig, dass es immer weitergeht.

Andreas Dresen entdeckte ihn in den 90er Jahren am Grips-Theater. Damals war Axel Prahl aus dem Norden nach Berlin gezogen, nach der Trennung von seiner ersten Frau. Mittlerweile haben der Regisseur und der Schauspieler fünf Filme miteinander gedreht. Sie sind Freunde geworden. Für seine Darstellung des „Willenbrock“ hat er den „Preis der deutschen Filmkritik“ bekommen. Dabei sah er sich für diese Rolle erst gar nicht geeignet. Willenbrock war das Gegenteil von einem Kumpel: berechnend, gelackt, ein Gewinnertyp. Er gehört zu seinen stärksten Figuren, gerade weil man ihn bisher so nicht gesehen hatte, als gerissenen Geschäftsmann und draufgängerischen Frauenhelden, als schwachen Ehemann und peinlichen Liebhaber. Für die Rolle hatte der Schauspieler acht Kilo abgenommen, mit der „Friss die Hälfte“-Methode. Sport ist nicht sein Ding. „Ach“, stöhnt er, „da gibt es doch zu viele Verletzungen.“

Axel Prahl ist kein Mitstreiter der Laufbewegung. Er jagt hinter nichts her, er plant auch nicht. In neun Jahren hat er 59 Filme gedreht. Er würde gern mal eine Pause machen. Im vergangenen Sommer ist er zusammen mit Freunden als Gitarrist beim „Inselleuchten-Festival“ in Marienwerder aufgetreten. Die Leute aus dem Publikum haben getobt, als er schweißgebadet auf der Bühne rockte und Lieder von den Beatles und Cat Stevens sang. Genau genommen ist er jemand, was alle gerne wären: zufrieden mit sich und mit dem, was man tut. Er macht aus seinen Makeln kein Hehl, nennt sich selbst „kleinwüchsig“ und „gedrungen“. Er ist ein Antiheld der Männermagazine. Ein wenig Rebell, ein wenig Prolet – das wollen die Leute sehen. Zehn Millionen schauen seinen „Tatort“. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt er, „eine Stadt, zweimal so groß wie Berlin, und es fährt kein Auto und keine Straßenbahn. Nichts bewegt sich mehr, und alle sitzen vor dem Fernseher. Das ist doch gespenstisch, oder?“

„Zwölf Winter“, Arte, Freitag, 21 Uhr, ARD, 6. Mai , 20 Uhr 15

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