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Porträt : Die Freischwimmerin

02.05.2010 02:00 Uhrvon
Sieht nach Luise aus, will aber Lady Macbeth. Silke Bodenbender zieht die böse, mörderische Shakespeare-Figur dem Schiller-Mädchen vor. Foto: Bettina Bartzen/ddpBild vergrößern
Sieht nach Luise aus, will aber Lady Macbeth. Silke Bodenbender zieht die böse, mörderische Shakespeare-Figur dem Schiller-Mädchen vor. Foto: Bettina Bartzen/ddp - Foto: ddp

Silke Bodenbender machte und macht nicht, was sie soll – und ist gerade deshalb die Schauspielerin dieses Fernsehfilmjahres.

An dem Tag, als der Düsseldorfer Staatssekretär Wolfgang Bodenbender eine Liste der aktuellen Arbeitslosenzahlen in Nordrhein-Westfalen auf seinen Tisch bekam, an dem Tag also beschloss seine Tochter, Schauspielerin zu werden. Das war Anfang der 90er Jahre. Silke Bodenbender hatte gerade Abitur gemacht, sie kam nach Hause und verkündete stolz, eine Schauspielschule besuchen zu wollen. Ihr Vater war schockiert. Die Zahl erwerbsloser Schauspieler stand auf seiner Liste ziemlich weit oben. Über eine Stunde diskutierte er mit seiner Tochter. Sie ließ sich nicht beirren und dachte nur: Jetzt erst recht.

Acht Mal wurde Silke Bodenbender an einer Schauspielschule abgelehnt.

Sie hatte es in Berlin versucht, in Leipzig, Rostock, Essen, Bochum. In Potsdam bekam sie vor Angst plötzlich einen Fieberschub. Sie stand auf der Bühne und spielte etwas ganz anderes vor, als geplant war. Danach meinte der Prüfer: „Sie schielen ja. Haben Sie sich das mit dem Schauspielberuf wirklich genau überlegt?“ Auf dem Rückweg weinte sie in der U-Bahn. Die Frau, die neben ihr saß, fasste ihre Hand und sagte: „Ist doch nicht so schlimm, es wird ein anderer kommen.“ Das hat sie wieder motiviert.

In München wurde sie dann genommen. Bis dahin aber war sie ein halbes Jahr in Deutschland unterwegs gewesen. In dieser Zeit hat sie gemerkt, was es bedeutet, wenn man Erwartungen nicht entspricht. „In mir wurde fast immer das Gretchen oder die Luise gesehen“, sagt sie. „Ich wollte aber lieber die Lady Macbeth oder das dämonische Pützchen aus ,Des Teufels General’ sein.“

Wenn man die Schauspielerin so anschaut, kann man die damaligen Prüfer durchaus verstehen. Eine hübsche, kleine, blonde Frau mit strahlenden blauen Augen und rosigen Wangen. Frisch und gesund sieht sie aus. Böse oder gebrochene Figuren stellt man sich anders vor. Gerade ist sie Mutter eines Jungen geworden. Das Interview findet in der Stillpause statt. Das Café liegt gleich um die Ecke ihrer neuen Wohnung am Winterfeldtplatz. Erst vor kurzem ist sie nach Schöneberg gezogen. Davor hat sie neun Jahre in Prenzlauer Berg gelebt, in dem Stadtbezirk, in dem eigentlich alle wohnen wollen, wenn sie Kinder haben. Silke Bodenbender scheint nie zu erfüllen, was man sich von ihr erhofft. Sie lässt gerne Rechnungen offen.

Gerade weil sie ihr äußerliches Klischee nicht bedient hat, ist man in den vergangenen Jahren im deutschen Fernsehen auf sie aufmerksam geworden. Sie war auf keiner Alm unterwegs, nicht auf dem Traumschiff und nicht in Afrika. Stattdessen spielte sie zweifelhafte Rollen – eine Polizistin, die sich in einen Mann verliebt, den sie bespitzeln soll („Auftrag Schutzengel“), eine Ärztin ohne Lizenz, die vor Gericht landet („Eine Frage des Vertrauens“), oder eine Mutter, die fanatische Scientologin wird („Bis nichts mehr bleibt“). Am Mittwoch läuft in der ARD der Film „Wiedersehen mit einem Fremden“ des Regisseurs Niki Stein. Darin spielt Silke Bodenbender eine junge Frau, die nach dem Krieg in einem Dorf im Schwarzwald auf die Rückkehr ihres Mannes aus russischer Gefangenschaft wartet. Ihr Warten verfolgt noch andere Ziele: Sie ist scharf auf den Hof, der nach Erbrecht ihrem Mann zusteht.

„Am Anfang habe ich mich schwergetan, Liesbeth Steiner sympathisch zu finden“, sagt Silke Bodenbender über die Figur. „Ich konnte nicht nachvollziehen, warum sie Ansprüche auf den Hof erhebt, obwohl die Schwester ihres Mannes sich so abrackert. Aber im Prinzip ist das Recht ja auf ihrer Seite.“ Es ist bei ihr im Spiel wie im Privaten: Sie kehrt die Dinge einfach um.

1974 wurde sie in Bonn geboren. Sie wuchs ohne Fernseher auf, aber dafür mit dem Theater. Ihre Mutter, eine Lehrerin, besitzt ein kleines Buch, in das sie jede Inszenierung notiert, die sie seit ihrem 18. Lebensjahr gesehen hat. Silke Bodenbender selbst ist mit vier Jahren das erste Mal im Theater gewesen, in „Max und Moritz“. Man könnte sie als Wildfang bezeichnen, ein kleines, zähes Mädchen, das auf Bäume kletterte und schnell rennen konnte. „Geh doch in die Leichtathletik“, rieten Lehrer und Freunde ihr. Sie aber sagte: „Nein, ich gehe ins Ballett.“ Silke Bodenbender lacht, wenn sie davon erzählt. „Ich habe immer das Gegenteil von dem gesucht, was gesagt wurde.“ Vielleicht hatte sie damals schon begriffen, dass man sich so von anderen abheben kann. Vielleicht aber auch war es die erste Rolle, die sie in ihrem Leben gespielt hat: Eine, die gegen den Strom schwimmt.

In der Schule war sie ein schüchternes Mädchen, das sich nie an die Tafel traute. Die Scham zog ihr ins Gesicht, das sofort rot wurde, wenn ihr etwas unangenehm war. Die Wirkung entspricht ihrem Typ, ihre Haut wirkt zart, fast durchsichtig. Damals hat sie ihr Erröten gemerkt, weil dann ihre Temperatur stieg. Heute spürt sie es nicht mehr, aber vor dem Gang über den Roten Teppich fürchtet sie sich trotzdem.

Alles, was mit ihr zu tun hat, kostet sie Überwindung. In Talkshows geht sie nicht und Lesungen lehnt sie ab. Für so einen Menschen ist die Schauspielerei ein Schutz: Jemand sein zu können, ohne man selbst sein zu müssen. Als an dem privaten Bonner Gymnasium, das sie besuchte, der Französischkurs voll besetzt war, schufen die Lehrer ein neues Fach - den Theaterdifferenzierungskurs. „Das war meine Rettung“, sagt Silke Bodenbender. Sie schrieb Geschichten, Gedichte und stellte auf der Bühne Fantasiespiele dar. „Kommt mal alle runter und guckt euch an, was die Silke da macht“, hat ihr Lehrer eines Tages die anderen Kinder herbeigerufen.

Sie sagt: „Das war der erste Moment, in dem ich festgestellt habe: Oh, das stört mich ja gar nicht.“ Im Spiel tat sie plötzlich Dinge, die sie sonst vermieden hätte. In ihren Rollen blühte sie auf. Als sie neulich bei einem Casting in einem Badeanzug Modell 50er Jahre auftreten sollte, hat sie kurz überlegt und dann entschieden: „Okay, ich habe zwar nicht die Superklassefigur, aber ich tue jetzt so, als ob ich richtig sexy wäre.“ Sie hat sich dann ein paar Mal gedreht, Schwimmbewegungen gemacht und sich gut gefühlt. Zu tun als ob – das ist so etwas wie ihr Berufsprinzip.

Vor kurzem hat ein Journalist in einem Interview mal über sie gesagt, dass sie auch Silke Bodenständig heißen könnte, weil sie so wirke. Das klingt vielleicht ein bisschen platt, aber man versteht, was damit gemeint ist. Silke Bodenbender ist das Gegenteil von einem Drama. An ihr wirkt nichts gekünstelt, verzerrt oder überzogen. Gerade ihrem offenen Gesicht nimmt man emotionale Veränderungen viel besser ab.

Das hat ihr im letzten Jahr ein amerikanischer Schauspieldozent bestätigt, bei dem sie in New York einen sechswöchigen Workshop absolvierte. Da war sie 35, hatte schon längst die Lady Macbeth auf der Bühne gespielt und auch im Fernsehen überzeugt. „Ich habe mich wieder wie eine Schülerin gefühlt“, sagt sie, „ich dachte, ich muss was beweisen.“ Sie denkt oft an die Zeit in Amerika, an die Leichtigkeit der Menschen, denen sie dort begegnet ist, ihre fast kindliche Naivität, Neues zu wagen. In einem New Yorker Salon ließ sie sich die Haare schneiden. Die Friseurin, eine Frau von Mitte 40, meinte zu ihr, dass sie gerade überlege, Schauspielerin zu werden. Manchmal wünscht sich Silke Bodenbender, sie hätte auch diese Gelassenheit.

Nach zehn Jahren im Beruf ist bei ihr die Aufregung noch die gleiche wie am Anfang. Und wenn sie aufgeregt ist, dann lacht sie. Als sie 2007 mit Henry Hübchen für den Fernsehfilm „Erlkönig“ vor der Kamera stand, bekam sie einen Lachanfall nach dem anderen. Der Regisseur musste sie rausschicken, damit sie sich beruhigt. Auch bei den Dreharbeiten zu dem Film „Wiedersehen mit einem Fremden“ hätte ihr Lachen beinahe einen ganzen Drehtag gesprengt. Sie sollte ein Kirchenlied singen. Es fiel ihr schwer, weil sie nicht religiös erzogen wurde und im Gegensatz zu vielen Kollegen den Text vorher nicht kannte.

„Hoffentlich haben sie die Kamera nicht genau auf meinen Mund gehalten“, sagt sie. Man sieht Silke Bodenbender in der Einstellung in einer Nahaufnahme. Sie zeigt eine Frau, die höher und lauter singt als alle anderen. Als gäbe es nichts, das leichter für sie wäre.

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