Porträt : Halstuch und Hingabe

Gefragter als Tom Schilling kann ein Schauspieler derzeit nicht sein. Tennis spielt er, Rammstein hört er. Und Angst ist sein Begleiter.

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Der Hauptstadtspieler. In „Oh Boy“ war Tom Schilling der Berliner Stadtstreuner Niko mit akademischem Hintergrund, in „Woyzeck“ der gequälte Weddinger. Foto: Stache/dpa
Der Hauptstadtspieler. In „Oh Boy“ war Tom Schilling der Berliner Stadtstreuner Niko mit akademischem Hintergrund, in „Woyzeck“...Foto: picture alliance / dpa

Aufschlag, Volley, Tie-Break. Tom Schilling spielt Tennis, er liebt diesen Sport, die Kombination aus Bein und Kopf, aus Schnelligkeit und Nerven. Für ihn ist jedes Match eine Herausforderung. Es gibt Tage, an denen er in Topform ist, an denen er beseelt den Platz verlässt. Und es gibt Tage, da müht er sich einfach nur ab und geht verärgert nach Hause.

Der Verein, in dem er spielt, liegt nicht weit von seiner Wohnung entfernt, mitten im Prenzlauer Berg. In diesem Bezirk befindet sich auch das Café „Elf“. Tom Schilling ist hier Stammgast. Er rührt sich Honig in den Ingwertee, dreht sich eine Zigarette mit Filter. In der Umgebung aus Fitnesswahn und Biolust wirkt er ein wenig aus der Zeit gefallen. Blasses, faltenloses Gesicht, schmaler Körper in schwarzem Anzug, darüber ein schwarzer Mantel, um den Hals ein gemustertes Tuch. Alles sitzt perfekt. Ein bisschen Gentleman, ein bisschen Avantgarde, als wäre er der Adoptivsohn von Nick Cave und Oscar Wilde.

Er ist in Berlin-Mitte geboren, 1982, als Berlin noch die Hauptstadt der DDR war. Mit sechs Jahren schickte ihn die Mutter zu einem Casting. Die Rolle, die er danach bekam, bestand aus einer einzigen Frage: „Ist das mein neuer Papa?“ Zwei Tage stand er für diese Frage vor der Kamera. Der Film hieß „Stunde der Wahrheit“ und wurde 1988 im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Von seinem ersten selbst verdienten Geld kaufte ihm die Mutter einen Fernseher. Von nun an verbrachte er die Nachmittage mit Serien statt mit Büchern. „Dass ich heute Schauspieler bin“, sagt er, „ist eine Verknüpfung aus Zufall, meiner Mutter und etwas, das in mir schlummerte.“

Tom Schilling bestellt sich Spaghetti Bolognese. Eigentlich hat er keine Zeit für ein Mittagessen, in einer Stunde muss er wieder los, Kostümprobe für einen neuen Film. Er redet überraschend viel über Musik, auch über Lieder, die er selbst geschrieben hat, von denen er nicht weiß, ob sie gut genug sind, ohne die Werbung mit seinem Namen zu bestehen. Er will nicht noch so ein singender Schauspieler sein. Mit 14 Jahren ging er das erste Mal in ein Konzert von Rammstein. Er stand in der ersten Reihe und vor ihm sang Till Lindemann, der kreative Kopf der Band, breitschultrig, muskulös, ein Berserker. „Rammstein sind für mich einzigartig. Sich so expressiv darzustellen, ist eine Seite, die ich nicht habe“, erzählt er. Und von den Ordnungskräften, die sich um seinen schmächtigen Brustkorb sorgten. Als Tom Schilling in der Zuschauermenge zu zerdrücken drohte, wollten sie ihn befreien. Aber er hat sich dagegen gewehrt. Der große Till und der kleine Tom, in Natur wirkt er viel schmächtiger als auf der Leinwand, grazil, fast zerbrechlich, wie Meißner Porzellan.

Mit zwölf Jahren stand Tom Schilling auf der Bühne des Berliner Ensembles. Der Regisseur Thomas Heise hatte ihn auf dem Schulhof entdeckt und für sein Stück „Im Schlagschatten des Mondes“ zum Casting eingeladen. Es war das erste Mal, dass er dort freiwillig hinging, ohne dass ihn seine Mutter dazu ermuntern musste. Vier Jahre blieb er an dem Haus, Theaterspielen wurde sein Hobby. Während seine Mitschüler ihre freie Zeit auf Hartplätzen oder im Minimarkt verbrachten, saß er mit roter Perücke in der BE-Kantine, bis er auf die Bühne in das „Leben des Galilei“ gerufen wurde. „Ich habe nie einer Clique angehört, stand in keiner Ecke vom Schulhof rum und machte kein Austauschjahr“, sagt er. „Ich zählte die Tage, bis ich die Schule endlich verlassen konnte.“ Als es so weit war, schmiss er seine Schultasche einfach in eine Mülltonne.

Tom Schilling ist kein lustiger Kerl, keiner, der seine Schauspielervita mit Anekdoten aufhübscht. Vielleicht ist er für sein Alter sogar ein wenig zu ernst. Aber als er von seinem letzten Schultag erzählt, sieht er für einen Moment unbekümmert aus, als wäre er der Junge von damals, der wusste, was er nicht wollte. Vor kurzem hat er im Flugzeug eine alte Schulfreundin wiedergetroffen. Sie war auf Businessreise für BMW unterwegs, er flog zu einem Drehtermin. Geschäftig wie zwei Erwachsene haben sie nebeneinander gesessen, dabei aber plötzlich gemerkt, dass sie einfach immer noch die von früher sind.

Mit 18 bekam Tom Schilling seinen ersten Preis. In Bayern wurde ihm für die Rolle des Teenagers Janosch in der Romanverfilmung von Benjamin Leberts „Crazy“ der Darstellernachwuchspreis verliehen. Und ein strahlender Jüngling mit azurblauen Augen schmückte auf „Bravo“-Postern die Zimmerwände zahnspangentragender Mädchen. Nach diesem Film wusste Tom Schilling, dass er nichts anderes sein will als Schauspieler. Inzwischen hat er in mehr als 40 Produktionen mitgespielt, als Eliteschüler in Dennis Gansels Kriegsspielfilm „Napola“, in „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ oder in dem ZDF-Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Bei Arte war er am vergangenen Montag und bei 3sat am gestrigen Samstag in einer Filmversion von Georg Büchners „Woyzeck“ zu sehen, als blutender, rackernder Überlebenskämpfer im Wedding. Wenn Schilling in einem Film auftaucht, folgt man ihm fast bedingungslos. Wie die Katze der Strippe vom Wollknäuel. Er braucht nicht die große Geste. Er zieht einen an, indem er sich zurückzieht. Man hat nicht selten das Gefühl, helfen zu wollen. Den labilen Jungs und schwachen Männern, den Denkern und Pazifisten, den unglücklichen Verliebten und den entrückten Verlierern, die er spielt.

Gerade liest Tom Schilling das Buch „Winning ugly: Mentale Kriegsführung im Tennis“, eine Bibel für jeden Tennisspieler. Ein Ratschlag lautet: „Kluge Spieler beobachten, was im Match passiert, und analysieren ihre Beobachtungen. Sie wissen, wie sie daraus Kapital schlagen können.“ Wenn Tom Schilling eine Rolle spielt, ist es so, als würde er genau das tun. Er stellt sich Fragen wie: Was macht mein Gegenüber? Kommt mir die Idee abhanden? Kann ich mir selber noch glauben? Die richtige Balance zwischen Bauch und Kopf, zwischen Kontrolle und Hingabe, meint Tom Schilling, sei wichtig, um ein guter Schauspieler zu sein.

Im April hat er den Deutschen Filmpreis als „Bester Schauspieler“ gewonnen. In dem Schwarz-Weiß-Film „Oh Boy“ spielt er Niko, einen Ex-Jurastudenten, der sich durch die Berliner Großstadt schlägt wie ein verloren gegangener Wellensittich. Niko ist wohl der sympathischste Nichtsnutz der Gegenwart, das Gesicht für eine Stadt, die untreu sein kann und radikal. Tom Schilling schweigt in seiner Rolle nahezu den ganzen Film über und führt damit einprägsam ein Leben in der Schwebe vor. Für Tom Schilling ist „Oh Boy“ sein wichtigster Film.

Sein Lieblingslied von Rammstein ist „Ohne Dich“. Er mag es, weil es so traurig ist. In dem Text heißt es: „Ohne dich kann ich nicht sein/ Mit dir bin ich auch allein.“ Tom Schilling ist Vater eines Sohnes und mit 31 Jahren bereits ein Fels in der Branche: fest und unerschütterlich. Aber er sagt: „Jede Talkshow, jede Drehbuchbesprechung, jedes Casting sind für mich der Horror. Ich fürchte mich vor Fragen und davor, nicht eloquent, cool und klug genug zu antworten.“ Angst, sagt er, sei sein ständiger Begleiter. Die Angst, nicht gut genug zu sein.

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