Sozialdrama : Hört uns zu!

Im ARD-Film „Mittlere Reife“ zetteln fünf Schüler eine kleine Bildungsrevolution an. Über die Web-Adresse www.schueler-machen-schule.de sollen Schüler und Erwachsene dazu „ihre Vision einer besseren Schule diskutieren“.

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Nicht zu fassen. Das Parkplatz-Schild – „Nur für den Direktor“ – von Schulleiter Seifert (Herbert Knaup, links) wurde mit dem Wort „Diktator“ übersprüht. Auch die weiteren Abbildungen sind nicht schmeichelhaft. Foto: WDR
Nicht zu fassen. Das Parkplatz-Schild – „Nur für den Direktor“ – von Schulleiter Seifert (Herbert Knaup, links) wurde mit dem Wort...Foto: HR/Johannes Krieg

Bringt die Schule ihre Schülerschaft noch zum Staunen? An diesem Morgen ja. Graffitis verzieren das Gebäude, und die Jungen und Mädchen bleiben amüsiert und beeindruckt stehen. Denn zu sehen sind keine unbedarften Schmierereien, sondern sauber ausgeführte Protestbilder. Eine junge Frau biegt Gitterstäbe auseinander und fletscht die Zähne. Ein Händepaar umklammert die Linien eines Strichcodes, als säße der Mensch ebenfalls im Gefängnis. Und ein Mann mit übellaunig verzerrten Gesichtszügen, offenbar der Gefängnisdirektor, hebt drohend den Arm. Die Karikatur trifft ziemlich gut Schulleiter Seifert (Herbert Knaup), der eben aus dem Auto steigt und weniger amüsiert, sondern fassungslos emporblickt. Sein Parkplatzschild – „Nur für den Direktor“ – wurde mit dem Wort „Diktator“ übersprüht.

Den kunstfertigen Anschlag verübt haben in dem Fernsehfilm „Mittlere Reife“ Gestalten in „Anonymous“-Masken, deren Handschrift auf den stadtbekannten Graffiti-Künstler „Bakunin“ verweist. Während der Aktion hört das Fernsehpublikum eine Cover-Version von Pink Floyds „Another Brick in The Wall“.

Ein bisschen viel Symbolik für den Anfang, aber der Film von Martin Enlen (Regie) und der Autorin und zweifachen Grimme-Preisträgerin Ariela Bogenberger („Marias letzte Reise“, „In aller Stille“) nimmt seine Revolutions-Pop-Ästhetik beim Wort. Fünf Schülerinnen und Schüler, alle überfordert oder sogar kurz vor dem Rauswurf, werden zum Nachsitzen in einem Ethik-Kurs verdonnert. Ein Eigentor des Systems gewissermaßen, denn der Strafkurs verwandelt sich dank einer jungen Referendarin (Bernadette Heerwagen) in eine Insel der Freiheit und schließlich in eine subversive Zelle. Die Referendarin lässt die Schüler träumen: Von einer Schule, an der sie gerne wären, von ihren Vorbildern und ihren Zukunftsplänen. Und prompt kommen sie auf dumme Gedanken und zetteln eine kleine Revolution an.

Mit Internet-Anschluss natürlich – das Fernsehen, das ja nicht gerade reich gesegnet ist mit jungem Publikum, bemüht sich auch hier, mit der Zeit zu gehen. Der verantwortliche Hessische Rundfunk (HR) hatte bereits vor der Ausstrahlung Videos von Schülern gesammelt, ein paar Schnipsel reale Welt, die am Ende recht wirkungsvoll eingebaut werden und zu einer simplen, aber doch sympathischen Botschaft des Films verschmelzen: „Hört uns zu!“

Über die Web-Adresse www.schueler-machen-schule.de, die auf einen zurzeit noch dünn besiedelten HR-Blog führt, sollen Schüler und Erwachsene nun „ihre Vision einer besseren Schule diskutieren“, wie der Sender mitteilt. Nicht gerade ein revolutionärer Ansatz in der neuen Medienwelt, aber es hat schon weniger ambitionierte Fernsehprojekte gegeben.

Die Haupt- und Realschule ist in „Mittlere Reife“ also ein fiktiver, aber kein unwirklicher Ort. Das ist kein leichtes Spiel, denn dem unvermeidlichen Realitätscheck bei dem Publikum halten solche Filme selten stand, weil ja jede und jeder Schule zu kennen glaubt. Zu Recht könnte man hier allerdings auch bekritteln, dass an dieser Großstadtschule der Clash der Kulturen weitgehend ausgeblendet wird. Sogar der erst kürzlich aus Russland eingewanderte Schüler Alexander (Anton Rubtsov) spricht schon akzentfreies Hochdeutsch. Überhaupt ist die Sprache etwas zu glatt und fernsehgerecht, aber das ist immer noch besser, als den fünf jungen Hauptfiguren eine künstliche Jugendsprache in den Mund zu legen.

Die vermeintlichen Problemfälle erweisen sich als recht charakterstarke Persönlichkeiten. Kausti (Vincent Redetzki) lebt nach dem Tod der Eltern beim Opa und zeichnet so gut, als sei er selbst „Bakunin“. Tim (Jannik Schümann) ist der hyperaktive, mit Pillen dealende Sohn des Schulleiters, der seine Kreativität am Computer und im Internet auslebt. Musterschülerin Isabel (Isabel Bongard) versorgt ganz allein den Haushalt und passt auf die kleinere Schwester auf, weil die Mutter weg und der Vater ein Alkoholiker ist.

Schulschwänzer Alexander verdient sich mit ungewöhnlichen Hilfsleistungen für Landsleute etwas nebenher. Und auch die scheinbar nur an Make-up interessierte blonde Kathi (Sonja Gerhardt) entwickelt sich zu einem sozialen Wesen, dessen besondere Fähigkeiten gefragt sind. Autorin Bogenberger hat starke Szenen für diese beeindruckenden jungen Darsteller geschrieben.

Und für Herbert Knaup, die Idealbesetzung für diesen tragikomischen Direktor Seifert, der zwar am liebsten von oben herab den starken Mann markiert, aber eigentlich selbst ein Gefangener ist. Denn schuld in diesem Film ist die Kultusbürokratie, ein anonymer Bösewicht, was ein bisschen wohlfeil ist, aber in einer Szene sehr schön erzählt wird.

Da muss Direktor Seifert nämlich zur Schulrätin, aber statt seines eigenen Projektantrags hat die Gruppe um seinen Sohn einen Zehn-Punkte-Katalog mit Ideen für eine bessere Schule eingereicht. Die Schulrätin tadelt den ahnungslosen Direktor – und bewundert ihn zugleich auch für seinen vermeintlichen Idealismus. Es knistert sogar ein bisschen zwischen den beiden. Herbert Knaup alias Seifert blickt in diesem Moment, als erinnere er sich undeutlich an irgendetwas in seiner Jugend.

„Mittlere Reife“, ARD, 20 Uhr 15

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