Susanne Gaschke bei "3nach9" : "Ich würde es wieder tun"

Erster Auftritt nach dem Rücktritt: Susanne Gaschke erklärt bei "3nach9" ihr Scheitern als Kieler Oberbürgermeisterin und welche Rolle Trotz und Testosteron dabei gespielt haben.

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Bis Susanne Gaschke "So what..." zu ihrem Scheitern als Kieler Oberbürgermeisterin sagt, wird wohl noch eine Zeit vergehen.
Bis Susanne Gaschke "So what..." zu ihrem Scheitern als Kieler Oberbürgermeisterin sagt, wird wohl noch eine Zeit vergehen.Screenshot: Tsp

Am Ende des Gesprächs bekommt sie ein Porträt von sich geschenkt. Es ist gezeichnet von einem Schüler Roy Lichtensteins, „So what...“ steht in der Comic-Sprechblase neben ihrem Kopf, aber bis Susanne Gaschke diesen Satz selbst sagen wird, muss wohl erst Zeit vergehen – wenn sie ihn überhaupt eines Tages sagt. Hart haben sie die Ereignisse in den vergangenen Monaten getroffen, unter die sie mit ihrem Rücktritt als Kieler Oberbürgermeisterin am vergangenen Montag einen Schlussstrich gezogen hat. Aggressiv und verbittert wirkte Susanne Gaschke, ganz anders dagegen am Freitagabend in der Talkshow „3nach9“. Bei ihrem ersten Auftritt nach dem Rücktritt gab sie sich deutlich gelöster – vor allem reflektierter.

Ihr früherer Chef nimmt sie in die Mangel

Moderiert wird die vom Sender Radio Bremen und im NDR ausgestrahlte Sendung von ihrem ehemaligen Chef, dem „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der auch Herausgeber des Tagesspiegels ist. Doch wer dachte, dass sich Gaschke hier auf Kuschelkurs begibt, der täuschte sich. Di Lorenzo überließ das Gespräch nicht seiner Co-Moderatorin Judith Rakers, sondern er wies gleich zu Beginn auf die frühere berufliche Beziehung zu Gaschke hin und nahm die Sozialdemokratin dann selbst rund 18 Minuten lang in die Mangel.

War der Wechsel der Fehler ihres Lebens?

Ob sie mit dem Wechsel vom Journalismus in die Politik „den Fehler ihres Lebens begangen“ habe, wollte di Lorenzo von Gaschke wissen, die erstmal auf ihren aktuellen Zustand verwies. Sie fühle sich, „wie von einem Lastwagen überrollt“, sagte sie, aber: „Ich würde es wieder tun und in die Politik gehen.“

Das überrascht angesichts der Generalabrechnung, mit der sich die 46-Jährige am Montag verabschiedet hat. Sie hatte geschimpft über „testosterongesteuerte Politik- und Medientypen, die unseren Politikbetrieb prägen und deuten“, sie sprach von „Hass“ und darüber, dass sie gescheitert sei als „Frau, die nicht aus der Szene kommt“, sie könne die „politischen, persönlichen und medialen Angriffe“ nicht mehr ertragen – doch bei „3nach9“ gestand sie ein: „Ich habe es vergurkt.“

Damit meinte Gaschke nicht nur den millionenschweren Steuerdeal mit einem Augenarzt, für den sie von der Opposition und auch aus den eigenen Reihen heftig kritisiert worden war und der ihren Rücktritt ins Rollen gebracht hatte. Sondern vor allem auch ihren Umgang mit Kritik, die sie zu stark auf sich selbst bezogen habe: „Ich habe sehr emotional reagiert, was als Frau sicher auch immer ein Fehler ist.“ Sie habe sich in einer „psychischen Ausnahmesituation“ befunden und womöglich einen „Tunnelblick“ bekommen.

"Mag sein, dass ich bockig bin"

Parteigenosse Björn Engholm habe sie einmal als „bockig“ bezeichnet: „Das mag sein, dass das ein Charakterzug von mir ist, an dem ich am Ende dann vielleicht auch gescheitert bin.“

Selbstreflektiert erklärte sich Gaschke hier und auch nicht ohne Humor: Sie habe zuletzt viel im Buch „Die Mechanismen der Skandalisierung“ von Hans Mathias Keplinger gelesen und sich viel in Kapitel zehn gesehen: „Trotz und Panik“. Ebenso kam Gaschke auf ihre Rolle als Seiteneinsteigerin in der Politik zu sprechen: Als Journalistin sei es eben „unendlich viel leichter, die beobachtende Rolle einzunehmen“. Es sei dagegen schwierig, sich zehn Wochen lang jeden Morgen selbst auf den Titelseiten der Zeitungen bereits dann zu sehen, wenn man durchs Treppenhaus geht und auf die Fußmatten der Nachbarn blickt. Wenn man „diese Mühlsteine“ hinter sich habe, „dann mag da auch eine gewisse Aggressivität sein“.

"Politik braucht Leute, die von außen kommen"

Was di Lorenzo nicht gelten lassen wollte, war Gaschkes Begründung, dass die Spielregeln in der Politik falsch seien. Bei ihrem Rücktritt hatte sie abgerechnet mit dem „eingespielten alten Spiel der alten Art“, einer aus ihrer Sicht brutal, kleinkariert, borniert und gar hasserfüllten Politik „nach altem Muster.“ „Liegt da nicht eine gewisse Anmaßung ihrerseits in der Feststellung, dass es nicht so bleiben kann, wie es ist?“, hakte di Lorenzo nach.

Doch Gaschke blieb bei ihrer Haltung. „Viele Menschen sind nicht begeistert von unserem Politikbetrieb. Da muss man immer wieder versuchen, diese sich selbst stark rekrutierende Gruppe aufzulockern“, sagte sie. „Die Politik braucht Leute, die von außen kommen und dazwischenfunken. Und ich würde die Parteien anflehen, sich die Mühe zu geben, solche Leute auch zu finden.“ Sie selbst würde andere Leute weiter dazu ermutigen, in die Politik zu gehen.

Sie will ihre Erlebnisse jetzt aufschreiben

Sie selbst wird sich aus der Politik allerdings erstmal zurückziehen. Einen Anspruch auf Versorgung habe sie nach einem Jahr im Amt als Oberbürgermeisterin und dem Rücktritt nicht. Auch mit der „Zeit“ hat sie kein Rückkehrrecht vereinbart, falls sie in der Politik scheitern sollte. „Ich bin gerade sehr vorsichtig, etwas zu planen“, sagte Gaschke, aber sie werde jetzt erstmals ihre „Lehren aus der Sache“ ziehen und wohl vor allem schreiben. Das könne ja auch „etwas Therepeutisches“ haben: „Irgendjemand wird es schon interessieren.“ Auch Briefe an einige Leute, die sie selbst mit ihren Artikeln als Politikjournalistin verletzt haben könnte, wolle sie schreiben.

Für die Galerie im Kieler Rathaus wird Susanne Gaschke als Ex-Oberbürgermeisterin nicht porträtiert werden. Dafür hat sie aber nun das Bild im Lichtenstein-Stil. Nur das „So what...“ wird sie wohl noch üben müssen.

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