Team Wallraff : Schimmel, altes Brot, abgelaufenes Haltbarkeitsdatum

Günter Wallraff und sein Team haben diesmal undercover in Großküchen ermittelt. Was sie herausfanden, ist mehr als nur unappetitlich. So geht Enthüllungsjournalismus.

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Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und sein Undercover-Team sind wieder im Einsatz. Dass er dabei auch immer wieder auch selbst auftritt, ist für die Sendung nicht unbedingt von Vorteil.
Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und sein Undercover-Team sind wieder im Einsatz. Dass er dabei auch immer wieder auch selbst...Foto:promo

Verschimmelte Gurken. Ungewaschene Tomaten. Uralte Bratensoße. Bio-Hackfleisch, weit über dem Verbrauchsdatum. Übriggebliebener Salat, der umgedreht und nochmal serviert wird. Darmbakterien überall. Und ein Putzschwamm, der so verdreckt ist, dass man die Keime gar nicht mehr zählen kann. Nach lauer Jobcenter-Reportage sind Wallraff & Co diesmal einem magenverderbenden Thema auf der Spur. „Team Wallraff – Reporter undercover: Abgelaufen, verschimmelt oder unappetitlich. Was in Schulen und Pflegeheimen so alles auf den Tisch kommt“. Kita-Essen. Schulessen. Essen in Pflegeheimen. Meistens von Großküchen produziert. Rund 14 Millionen Menschen essen das täglich. Catering, ein 700-Millionen-Euro-Business. Massenware, industriell hergestellt.

Aber besteht die Branche nur aus schwarzen Schafen? Das Team Wallraff will's herausfinden. Erste Station, die Firma Vitesca. Die Journalistin Stefanie Albrecht bewirbt sich dort als Küchenhilfe. Saubere Recherche. Schmutzige Ergebnisse. Statt frischer Gurken kommen alte und pelzige in den Salat. Schimmel, notdürftig und knapp mit dem Messer weggeschnitten. Stefanie Albrecht findet aber noch mehr. Altes Brot. Fleisch und Fisch ohne Datierung. Lasagne, 3 Monate über dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Wiener Würstchen, 14 Monate drüber. Schweinegeschnetzeltes, abgelaufenes Verbrauchsdatum. Die Verwendung ist gesetzlich geregelt, aber verwirrend. Waren mit Mindesthaltbarkeitsdatum dürfen auch später verarbeitet werden. Lebensmittel mit Verbrauchsdatum dürfen danach nicht mehr verkauft oder verarbeitet werden.

Ein Pflegeheim, eine unhygienische Hölle

Reporterin Düzen Tekkal recherchiert als Küchenhilfe in einem Haus der Marseille Kliniken AG. Ein Pflegeheim. Eine unhygienische Hölle. Volle Teller, aus dem Speisesaal in die warme Küche. Stehen stundenlang ungekühlt herum. Paradies für Keime und Bakterien. Arbeitsplatten, klebrig und schmutzig. Ein Koch, der mit nacktem Finger im Essen rumprobiert. Küchenhilfen, die nach Rauchpause ohne Händewaschen Brote schmieren. Dieser Vorfall und die anderen unappetitlichen Machenschaften, mit versteckter Kamera aufgenommen und dokumentiert.

Vitesca antwortet brieflich auf Vorwürfe. Wiegelt ab. „Alle Mitarbeiter … haben die klare Anweisung nicht einwandfreie Ware nicht zu verarbeiten.“ „Ein Verbrauchsdatum ist immer einzuhalten.“ Marseille Kliniken stellt für die Beantwortung der Fragen erst mal eine Rechnung über 293,69 Euro. Nach Verweigerung gibt’s kostenlose Antworten. Kostenloses Abwimmeln. Kostenloses Abwinken.

Leider muss Meister Walraff auch noch ran

Ein Fachanwalt, ein ehemaliger Lebensmittelkontrolleur und eine Ernährungswissenschaftlerin ordnen das Ganze ein. So geht richtiger Enthüllungsjournalismus. Traditionell. Ohne unnötiges Beiwerk, Kein Schnickschnack. Keine Experimente. Höchst wirkungsvoll. Leider will oder muss Meister Wallraff auch noch ran. Mit Perücke, Brille und Bart, spielt er einen Catering-Unternehmer, der Lebensmittel kurz vor Ablauf des Mindeshaltbarkeitsdatums kaufen will.

Unfreiwilliger Höhepunkt: Wallraff und ein Probe-Essen für 4,50 Euro im Amarita-Heim. Nach eigener Aussage ist Wallraff nicht verwöhnt. Ein Allesfresser, der aber auch auf Gesundheit achtet. Der Fisch hat zu viel Panade. Der Grießbrei zu viel Zucker. Und der Salat? „Was haben wir denn hier? Ist das der Rest? Hat das jemand stehen lassen? Da war schon jemand hier. Das ist es. Dat is et schon. Is doch nichts. Das sind ein paar traurige Salatreste.“

Günter Wallraff ist jetzt 72 Jahre alt. Ihm gebühren Respekt und Hochachtung. Aber ihm droht auch Gefahr. Statt gelobter Enthüllungen nur noch betreutes Recherchieren? Da hat wirklich niemand was davon.

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