Vorwürfe : Jacob und Maxe

„Tatort“-Ermittler Ernst-Georg Schwill soll länger für die Stasi gearbeitet haben, als bislang zugegeben. Müssen sich die RBB-Kommissare Ritter und Stark einen neuen Assistenten suchen?

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Redebedarf. Seit 1999 spielt Ernst-Georg Schwill den „Tatort“-Assistenten Weber. Foto: RBB
Redebedarf. Seit 1999 spielt Ernst-Georg Schwill den „Tatort“-Assistenten Weber. Foto: RBBFoto: rbb/Julia von Vietinghoff

Beachtliche 8,4 Millionen Zuschauer sahen am Sonntagabend einen bemerkenswerten „Tatort“ im Ersten. Bemerkenswert nicht nur wegen des offenen Endes – die beiden Berliner Kommissare Stark (Boris Aljinovic) und Ritter (Dominic Raacke) ließen die krebskranke Mörderin laufen. Bemerkenswert, im Nachgang, auch wegen Ernst-Georg Schwill, der seit 1999 Lutz Weber, den Assistenten der Ermittler im SFB-, später RBB-„Tatort“ spielt. Schwill soll länger als bekannt, der Stasi zugearbeitet haben. Das soll aus Unterlagen hervorgehen, die der „Bild“ vorliegen, wie das Blatt am Montag berichtete. Schon 2006 war der Schauspieler als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) von 1964 bis 1973 enttarnt worden. Laut Bericht sollen neue Aktenfunde beweisen: Der Spitzel steckte wohl noch tiefer drin – aus „politischer Überzeugung“.

Demnach habe die Stasi-Hauptabteilung II den heute 73-jährigen Berliner 1983 ein zweites Mal angeworben. Bis zum Mauerfall soll er als IM „Maxe“ tätig gewesen sein. In der Zeit soll Schwill unter anderem Interna von DDR-Korrespondenten der Nachrichtenagentur Reuters sowie Fluchtpläne von DDR-Bürgern an die Staatssicherheit weitergeleitet haben, schreibt „Bild“. Zudem sollte er „Informationen aus dem Kreis der Kulturschaffenden“ erarbeiten. Eine Quittung soll belegen, dass Schwill 1989 zum 50. Geburtstag einen Betrag von 150 Ostmark erhalten habe. Der Schauspieler wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

2006 wurde öffentlich, dass Schwill unter dem Decknamen „Jacob“ von 1964 bis 1973 gespitzelt hatte. Damals hatte er sich überrascht gezeigt: „Ich kann es mir nicht erklären, aber allem Anschein nach war ich Mitarbeiter der Stasi.“ Seine Befürchtung, daraufhin keine Arbeit mehr zu bekommen, erwies sich als unbegründet. Für den RBB schien die Sache offenbar nicht gravierend genug. Dem Sender war damals nach eigenen Angaben nur aus Presseveröffentlichungen bekannt, dass Schwill mit der Stasi zusammengearbeitet haben soll. „Da der Schauspieler nicht zu den festen oder festen freien Mitarbeitern des Senders gehört, hat der RBB ihm bisher nicht nahe gelegt, sich selbst bei der Birthler-Behörde überprüfen zu lassen.“ Zwei Mal im Jahr gab und gibt Schwill weiter den gutmütigen Assi im „Tatort“. 2011 spielte er im ARD-Drama „Es ist nicht vorbei“ einen Stasi-Offizier, was auch senderintern für Aufregung sorgte (Schlagzeile: „Echter Stasi-Spitzel spielt Stasi-Offizier“). Zuletzt war Schwill im zweiteiligen DDR-Drama „Der Turm“ zu sehen, als Chefarzt an der Seite von Jan Josef Liefers, der als Arzt lange zwischen den Polen persönlicher Integrität und Krankenhaus-Karriere dank Stasi schwankt.

Fraglich nun, ob es diese Skrupel auch bei Schwill gegeben hat. Die Stasi-Unterlagenbehörde wollte die neuen Aktenfunde nicht bestätigen. Zu konkreten Fällen nehme man nicht Stellung, sagte eine Sprecherin. Und der RBB? Der Sender will auf Schwill zugehen, mit ihm reden, sagte Sprecher Justus Demmer. „Die Geschichte hat uns am Montag auch überrascht.“ Demmer wies darauf hin, dass Ernst-Georg Schwill noch nicht einmal freier Mitarbeiter des RBB sei, er wirke an zwei RBB-Produktionen im Jahr mit.

Offenbar macht es in Sachen Stasi-Vergangenheit, -Aufarbeitung und Senderverantwortung einen Unterschied, ob jemand fest beim RBB angestellt ist oder nicht. „Tatort“ des RBB bleibt aber „Tatort“ des RBB. Am 6. Januar 2013 läuft eine neue Ausgabe. Mit Ernst-Georg Schwill.

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