Medien : Wer hetzt?

Wiedersehen mit Thilo Sarrazin bei „Anne Will“: Der Ex-Banker hatte keine Lust auf Provokationen

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Müde. Thilo Sarrazin, neben Anne Will und Joachim Herrmann (CSU, re.). Foto: NDR
Müde. Thilo Sarrazin, neben Anne Will und Joachim Herrmann (CSU, re.). Foto: NDRFoto: NDR/Wolfgang Borrs

Er war lange weg, irgendwie, zumindest gemessen an der Häufigkeit mit der Thilo Sarrazin von August bis Ende 2010 die mediale Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat. Irgendwann war Schluss mit ihm und Schluss mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“, es war Schluss mit der Debatte, die dann so dringend nicht gewesen sein kann. Andere Dinge wurden wichtiger: Umsturzversuche in der arabischen Welt, die Katastrophen Japans undundund. In den Talkshows gab es keinen Platz für Thilo Sarrazin. Sonntagabend gab es dann wieder einen Platz. Vom Fernsehzuschauer aus gesehen rechts von Anne Will saß der Mann, der übrigens ähnlich wie Karl-Theodor zu Guttenberg uns Journalisten ein großes Rätsel aufgab: unsere Kritik, unsere Abneigung, unser besseres Wissen wurde uns von Lesern um die Ohren gehauen – warum eigentlich? Zumindest bei Sarrazin kann es am Charisma nicht liegen.

Das bewies auch der Talk von „Anne Will“, dessen großes Problem vor allem darin bestand, dass von fünf Gästen nur einer Lust hatte, sich über das Flüchtlingsthema und die Frage, ob Europa zur Festung werden muss, zu unterhalten oder gar zu streiten. Sarrazin hatte keine Lust, müde referierte er Zahlen, die jeder Schüler bei Wikipedia nachlesen kann, nämlich, dass in Afrika eine Milliarde Menschen leben. Und die wollen alle zu uns?

Wer genau im Moment zu uns will – und aus welchen Gründen – wurde nicht klar, die Gäste hatten auch genug damit zu tun, sich über Begrifflichkeiten zu verständigen: Sind die Tunesier nun Wirtschaftsflüchtlinge? Und wer kam auf die Idee, den Fußballer Gerald Asamoah einzuladen, der das Leben allgemein und seines besonders wie ein Fußballspiel erklären wollte. Sogar Sarrazin sagte zu Beginn der Sendung wenig, irgendwann kommt die Regie auf die Idee, die Hände des bayrischen Innenministers zu zeigen, das brachte die Sendung auch nicht voran. Selbst die Grüne Katrin Göring-Eckardt konnte zum Erkenntnisgewinn nichts beitragen. Auch sie schien mit dem Thema nicht allzu viel anfangen zu können, vielleicht wurde sie von der Redaktion auch reingelegt und zum Thema eingeladen „Joschka oder Jürgen – wer wird der grüne Kanzlerkandidat?“

Elias Bierdel hätte bestimmt zu dem Thema was zu sagen, so sehr freute er sich über die Einladung. Bierdel war mal Vorsitzender der Hilfsorganisation „Cap Anamur“, wurde aber nicht wieder gewählt, weil er eine sehr umstrittene Flüchtlingsaktion leitete. Seitdem ist es still um den Mann, der aber um so lauter werden kann, wenn ihm was nicht passt.

Als die Talkshow gegen Ende drohte, vollends einzuschlafen und Sarrazin recht ungelenk was erklären wollte, nannte Bierdel Sarrazin einen „Hetzer“, was allen Gästen, einschließlich Sarrazin, egal war. Sarrazin wird sich gedacht haben, dass er schon in spannenderen Talkshows war. Früher. Matthias Kalle

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