Zu meinem ÄRGER : Flug 4U9525: Vorschnelle Gewissheit

Was gehört sich, was gehört sich nicht? Fragen, die sich nach dem Germanwings-Absturz sowohl Journalisten als auch Mediennutzer stellen müssen. Die Medienwoche im Blick von Gina Schad.

Gina Schad.
Gina Schad.Foto: Promo

Frau Schad, was hat Sie diese Woche in den Medien geärgert?

Ich weiß gar nicht, ob ärgern das richtige Wort ist. Ich war schockiert und traurig. Wie wild Medien spekuliert haben, zu einem Zeitpunkt, an dem noch nichts sicher war. Natürlich sollte berichtet werden, ganz gleich, ob es sich um einen Flugzeugabsturz oder einen Terroranschlag handelt. Die Frage ist nur: wie? Brauchen wir Sondersendungen mitsamt Live-Tickern und abenteuerlichen Mutmaßungen, selbst wenn es zum Zeitpunkt der Berichterstattung keine neuen Erkenntnisse gibt? Warum lungern Journalisten vor der Schule in Haltern herum, und versuchen, Kinder für ein Interview zu bestechen? Was ist mit Gefühl für die Hinterbliebenen, die trauern wollen? Und sollen. Es geht nicht nur um die rechtliche Frage der Vorverurteilung. Sondern auch um ethische Fragen. Altmodisch gefragt: Was gehört sich, was gehört sich nicht? Fragen, mit denen sich der Journalismus auseinandersetzen muss. Was ist mit uns? Was ist mit dir? Und mit mir?

Mit uns, die nicht direkt betroffen sind, aber indirekt schon: Morgens lassen wir uns von unserem Smartphone wecken, lesen im Bett die ersten Nachrichten und sind den ganzen Tag mit unserer Familie und Freunden digital verbunden. Selbst, wenn uns die Geschichte also nicht direkt betrifft, geben wir Tipps und stellen Mutmaßungen an, als wären wir dabei gewesen und dürften mitreden. Menschen beschweren sich über Menschen, die sich über andere Menschen beschweren, die ihrer Trauer im Internet Raum geben. Am Ende geht es doch nur darum, eine Antwort auf das „Warum?“ zu finden.

Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?
Ich finde es gut, wenn sich Medien bewusst dazu entscheiden, weder den vollen Namen des mutmaßlichen Täters zu nennen noch sein Haus zu zeigen. Wir brauchen außer einer seriösen Berichterstattung auch eine Vergewisserung unseres Mitgefühls. Und eine Orientierungshilfe angesichts der Grundsatzfrage, wie wir in Zukunft mit dem Internet und seinen Informationen leben wollen.

Welche Website können Sie empfehlen?
Ich lese gern Blogs. Den medienkritischen Watchblog www.bildblog.de kann ich sehr empfehlen. Falls die Medien mal wieder etwas durcheinanderbringen. Zu schnell berichten. Kopf stehen. Und keiner mehr weiß, was jetzt stimmt oder nicht – dann lohnt sich ein Blick auf diese Seite.

Gina Schad forscht zu den Themen Privatheit und Öffentlichkeit der digitalen Gesellschaft. Auf ihrem Blog medienfische.de interviewt sie Persönlichkeiten aus Kultur und Medien.

2 Kommentare

Neuester Kommentar