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20 Jahre nach den Ausschreitungen : Deutschland hat in Rostock-Lichtenhagen wieder versagt

28.08.2012 10:51 Uhrvon
Ein Bewohner des "Sonnenblumenhauses" in Rostock-Lichtenhagen schaut den Protesten Foto: dpaBild vergrößern
Ein Bewohner des "Sonnenblumenhauses" in Rostock-Lichtenhagen schaut den Protesten - Foto: dpa

Außer Bundespräsident Joachim Gauck hat fast die ganze politische Elite die Gedenkfeier in Rostock-Lichtenhagen geschwänzt. Dabei lassen sich die Ausschreitungen von damals nur mit dem vergleichen, was bis 1945 in Deutschland geschah. Und die tagtägliche Schande dauert an.

Der Bundespräsident hat am Sonntag zum Gedenken an die ausländerfeindlich-rassistischen Ausschreitungen vor 20 Jahren in Rostock- Lichtenhagen eine respektable Rede gehalten. Dennoch hat die Bundesrepublik Deutschland in einem historischen Moment versagt.

Man muss es so hart sagen.

Und muss sich nochmals ins Gedächtnis rufen: Unter unseren Augen, vor laufenden Fernsehkameras und so auch vor den Augen der Welt hat damals ein rasender Mob Asylbewerber mit Brand und Mord bedroht, und Feuerwehr und Polizei ließen die um ihr Leben schreienden Männer, Frauen, Kinder die längste Zeit im Stich. Niemals nach 1945 hatte es in Deutschland eine solche Szene gegeben. Eine öffentliche Szene, die nur mit dem, was bis 1945 in und von Deutschland ausgehend geschah, zu vergleichen ist.

Wo aber waren bei der Gedenkfeier in Rostock die mit Mecklenburg verbundene Kanzlerin? Wo der Bundesinnenminister? Wo die Spitzen der SPD oder der Linken? Claudia Roth war da. Und der Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns. Im Übrigen sah es aus, als hätte die politische Elite der Republik eine historische Stunde geschwänzt – um die peinliche Pflicht an diesem Sonntag dem ohnehin aus Rostock stammenden Ex-Pastor Joachim Gauck zu überlassen. Und kein Fernsehsender, man glaubt es kaum, hat dessen Rede live übertragen.

Verwunderlich ist auch das: Wenn die Archive nicht trügen, dann hat Gauck öffentlich oder in Anwesenheit von Zeitungszeugen in den vergangenen 20 Jahren noch nie zu den Gewaltexzessen in seiner Heimatstadt Stellung genommen. Nun aber fragte der Präsident: „Wie konnte es dazu kommen?“ Seine Antwort nannte dann die Wirrungen der Wiedervereinigung („orientierungslos in der neuen Freiheit“) und allerlei soziale Enttäuschungen bis hin zum Hass. Er kritisierte die mangelnde Achtsamkeit der Behörden. Alles richtig, doch benennt es nur die Symptome. Nicht die tieferen Ursachen.

Die Bilder der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen im August 1992:

Erst gegen Ende hat Gauck wenigstens angedeutet, dass die „strukturelle Rücksichtslosigkeit“ der hier nur selten namentlich genannten DDR und das fehlende „Zusammenleben mit Fremden“ etwas mit jener Fremdenfeindlichkeit nach der Wende zu tun hatte. Denn natürlich lag es „nicht am schlechteren Charakter der Ostdeutschen“ (so Gauck), was in Rostock geschah.

Weil man auch unter den Westdeutschen eben diesen Pauschalverdacht immer vermeiden will – der gleichfalls rassistisch wäre –, heißt es dann: Die West- und die Ostdeutschen sind ja gar nicht so verschieden, Neonazis gibt es auch im Westen, die sozialen Unterschiede nach der Wende sind das eigentliche Problem. Ein tieferer soziokultureller Unterschied wird so aber verdrängt und negiert. Die Tatsache nämlich, dass man in Ostdeutschland fast 60 Jahre lang über zwei bis drei Generationen hinweg fast nur Diktatur, Krieg, Nachkrieg und wieder Diktatur erfahren hat – und man statt Weltoffenheit nach dem Nationalsozialismus einen nationalen bis nationalistischen Sozialismus als Wechselbalg erleben musste.

Dieses Erbe ist trotz aller neuer demokratischer Anstrengung längst noch nicht aufgearbeitet. „Es sind unsere Kinder“, sagen manche, die ungenannt bleiben möchten, wenn junge neonazistische Gewalttäter im Osten (und Westen) erschrockenes Kopfschütteln wecken. Und tatsächlich kann sich ein Farbiger heute in einem Bus nach Einbruch der Dämmerung in vielen Teilen Ostdeutschlands, wo es wie in Mecklenburg-Vorpommern kaum zwei Prozent Ausländer gibt (und die ausländischen Touristen in Städten und an den Küsten fehlen), heute kaum sicherer fühlen als ein Schwarzer in Alabama in einem „weißen“ Bus vor einem halben Jahrhundert. Das ist, jenseits von Exzessen, eine tagtägliche Schande. Für das ganze wiedervereinigte Deutschland.

Übrigens, die vorsätzlichen Brandstifter und Mordversucher von Rostock-Lichtenhagen, die wir jetzt wieder in den Fernsehbildern von Angesicht sahen, sie wurden von der Justiz teils gar nicht verfolgt oder sind fast ausnahmslos mit kleinen Bewährungsstrafen davongekommen.

Die Rede von Bundespräsident Joachim Gauck können Sie hier nachlesen.

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