Abdullah Öcalan: : „Wir durchleben eine historische Phase“

Er war als Terror-Chef schon zum Tode verurteilt. Jetzt will die türkische Regierung mit Abdullah Öcalans PKK Frieden schließen. Ein Porträt.

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Abdullah Öcalan.
Abdullah Öcalan.Foto: AFP

Der markante Schnurrbart soll grau geworden sein in der langen Zeit hinter Gittern, aber sonst ist Abdullah Öcalan offenbar ganz der Alte (Bild oben: 1993). Mit seinen 64 Jahren ist der Gründer und Chef der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in einer Position angelangt, die er seit Jahrzehnten für sich beansprucht: die des Wortführers der Kurden in den Bemühungen um eine Besserstellung der größten ethnischen Minderheit in der Türkei.

Seit Dezember verhandelt Öcalan mit dem türkischen Geheimdienst MIT über eine Grundsatzeinigung, die den seit 1984 anhaltenden Kurdenkonflikt beenden soll. „Wir durchleben eine historische Phase“, sagte er einer kurdischen Politikerdelegation, die ihn am vergangenen Samstag auf der Gefängnisinsel Imrali besuchte, auf der Öcalan seit seiner Festnahme 1999 eingesperrt ist.

Der als Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie in einem südostanatolischen Dorf geborene Öcalan gründete 1978 die marxistisch ausgerichtete PKK, deren Mitglieder in den Folgejahren durch den brutalen Druck des türkischen Staates immer weiter radikalisiert wurden. 1981 floh Öcalan aus der Türkei und gab drei Jahre später den Befehl zum bewaffneten Aufstand seiner PKK. Der Kampf richtete sich gegen die Repression und die staatliche Leugnungspolitik den zwölf Millionen Kurden gegenüber. Mehr als 40 000 Menschen sind bis heute Gefechten und Anschlägen zum Opfer gefallen.

Lange konnte Öcalan seinen Kampf gegen Ankara vom benachbarten Syrien aus führen. Doch Ende 1998 drohte die Türkei den Syrern offen mit Krieg – Damaskus verwies die PKK unter diesem Druck des Landes und zwang Öcalan zu einer Odyssee, an deren Ende er von türkischen Agenten in Kenia gefasst wurde. Während seines Hochverratsprozesses sagte sich der PKK-Chef vom Terror los. Dem Tod am Galgen entging er, als die Türkei die Todesstrafe abschaffte und seine Strafe in lebenslange Haft umgewandelt wurde.

Seitdem hat Öcalan immer wieder versucht, sich als Verhandlungspartner des Staates ins Spiel zu bringen – lange ohne Erfolg. Doch nun hat Erdogan erkannt, dass ein Durchbruch in der Kurdenfrage für ihn bei den anstehenden Wahlen ein großes Plus wäre. Deshalb ließ der Premier Ende vergangenen Jahres seinen Geheimdienstchef Verhandlungen mit Öcalan aufnehmen. Nach Presseberichten bereitet Öcalan einen Waffenstillstandsappell an seine Rebellen vor. Susanne Güsten

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