Äußerungen über Rösler : Hessens FDP-Chef ist kein Rassist

Hessens FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn stellte die Frage, ob die Deutschen einen „asiatisch aussehenden Vizekanzler“ wie Philipp Rösler noch länger „ertragen“ werden. Daran zeigt sich: Wer über dumpfe Vorurteile redet, muss jedes Missverständnis doppelt meiden.

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Jörg-Uwe Hahn sprach in einem Interview die vietnamesische Abstammung von Philipp Rösler an.
Jörg-Uwe Hahn sprach in einem Interview die vietnamesische Abstammung von Philipp Rösler an.Foto: dpa

Jörg-Uwe Hahn ist kein Rassist, sondern bloß ein hessischer Bollerkopp. Aus irgendwelchen Tiefen dieses Kopfes hat den hessischen FDP-Häuptling und Integrationsminister die Frage angefallen, ob die Gesellschaft einen „asiatisch aussehenden Vizekanzler“ wie Philipp Rösler noch länger „ertragen“ werde. Leider kam ihm die Idee bei einem Interview. Er behauptet jetzt, das sollte eine gesellschaftliche Debatte anstoßen. Aber darauf redet sich neuerdings jeder hinaus, der dummes Zeug geschwätzt hat.

Dabei ist in diesem Fall – nein, keine Debatte, aber ein bisschen Nachdenken über den Stand der Toleranz vielleicht ganz lohnend. Offiziell spielt die Frage, wie weit ein Spitzenpolitiker von einer – ohnehin ja höchstens gefühlten – Normalität abweicht, keine Rolle mehr. Offiziell landet, wer solche Fragen aufwirft, direkt am Pranger. Das ist gut so. Ob der Außenminister schwul ist, die CDU-Chefin im Realsozialismus aufwuchs oder der Vizekanzler aus Vietnam stammt, ob der Finanzminister im Rollstuhl sitzt und der Bundespräsident ohne Trauschein lebt, geht keinen etwas an. All dies mag irgendwie die Art beeinflussen, wie sie Politik machen; über die Qualität ihrer Politik sagt es nichts.

Wo das offizielle Toleranzgebot nicht hinreicht, in der Sphäre des Getuschels, des Stammtischs und der politischen Grabenkämpfe, ist die Lage aber völlig anders. Da wird weiter geraunt und gelästert über die angebliche Lesbe im Ministerrang, die „Zonenwachtel“ im Kanzleramt und den Schlitzäugigen an der FDP-Spitze. Dahinter stecken ganze Bündel von Motiven – von Lust am Klatsch über kleingeistige Moral bis hin zu echter Menschenverachtung. Oft ist das Gerede aber bloß hilflos. Die Welt wird komplizierter, Google trägt mehr zur Verwirrung als zur Aufklärung bei, die Parteien verlieren Profile und Kanten. Da hält sich Otto Normalwähler an vertraute Parolen, an das Meinungsklima in seinem Umfeld und an sein Bauchgefühl für die Personen in politischen Spitzenämtern.

Das entspricht nicht dem Staatsbürger-Ideal der Bundeszentrale für politische Bildung. Legitim ist es trotzdem, dass sich jemand, der sich nicht aus Beruf oder Berufung in die Politik vertieft, stark von Sympathien leiten lässt.

Zum Problem wird es erst, wenn die Politik diese von Vor-, Wert- und Unwerturteilen geprägten Bauchgefühle für ihre Zwecke missbraucht. Die Rede ist nicht von der branchenüblichen Propaganda, in der die eigenen Leute stets ehrbare Honoratioren sind und alle anderen lose Gesellen. Die Rede ist von solchen, die gezielt Vorurteile schüren. Und die Rede ist von solchen, die innerparteiliche Ränkespiele damit betreiben. Man macht das heute nicht mehr direkt („Ein Schwuler kann nicht Minister sein“), sondern indirekt: „Unsere rückständige Basis tut sich bedauerlicherweise schwer mit einem Schwulen.“

Das klingt politisch korrekt nach angewandter Sozialforschung. In Wahrheit ist es der gleiche Rufmord unter basisdemokratischem Deckmantel. Dem Minister Hahn darf man glauben, dass er das nicht wollte. Prügel bezieht er trotzdem zu Recht. Politik wird mit Worten gemacht. Wer über dumpfe Vorurteile redet, muss jedes Missverständnis doppelt meiden.

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