Am Scheidepunkt : Woran Afghanistan leidet

Afghanistan brennt, ein barbarischer Mob ist vereint im Hass auf die Ungläubigen. Die Stimmen gegen die Gewalt sind da, aber sie sind zu leise, der Mob ist lauter. Die UN dürfen trotzdem einen schweren Fehler nicht wiederholen.

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Protestierende Afghanen in Kabul.
Protestierende Afghanen in Kabul.Foto: dpa

Seit Tagen sehen wir es im Fernsehen: Der Mob zieht durch afghanische Städte, macht selbst vor Menschenleben nicht halt. All das, weil amerikanische Soldaten Koranschriften verbrannt haben. Was sind das für Menschen? Das fragen sich viele im Westen. Wo sind diese Wut-Bürger, wenn wieder ein Selbstmordattentäter unschuldige Mitbürger in die Luft gesprengt hat? Menschen, Muslime, das eigene Volk. Wer demonstriert dagegen?

Wut kann einen da überkommen. Was ist das für ein barbarisches Volk, das sich untereinander nie einig ist, jetzt aber im gewalttätigen Feldzug eins ist gegen die Ausländer, die Ungläubigen! Wo sind da die Werte, die einen Menschen ausmachen, wenn ein Buch mehr zählt als ein Leben. Für solche Menschen und ihre Rechte riskieren „wir“ dann noch unser Leben? Bei denen entschuldigen wir uns?

Nicht bei den Gewalttätern, aber bei den Gläubigen. Denn: So einfach, so einseitig, wie die Bilder glauben machen, ist es nicht. Das Lynchen ist unverzeihlich. Für Christen wie Muslime. Das sehen auch viele Afghanen so. Es ist nicht das ganze Volk gegen die Fremden auf der Straße. In Kabul ist es offenbar relativ ruhig, anderswo eskaliert die Gewalt erschreckend.

Doch man darf sich schon fragen, wie dumm man eigentlich sein muss, nach all den Jahren einen solch eklatanten Fehler zu machen und mitten in Afghanistan einen Koran zu verbrennen. Jeder, der einen Fuß in dieses Land setzt, selbst ein GI ohne Schulabschluss, muss wissen, muss gelernt haben, was Religion hier bedeutet, wie sensibel der Umgang mit dem heiligen Buch der Muslime ist. Leider treffen viele von ihnen bis heute kaum je einen Afghanen und sehen doch in jedem von ihnen einen Feind. Die ganze Welt kennt den erbitterten Streit um den US- Prediger und seine Koranverbrennung.

Und wie ist das mit dem Heine-Wort: Wo man Bücher verbrennt, brennen bald auch Menschen? Deutsche, Europäer, Amerikaner haben im Lauf der Zeit ein anderes Verhältnis zum Umgang mit Glauben und Büchern, auch den heiligen, entwickelt. Aber wer in ein anderes Land geht, muss ihm und seinen Menschen mit Respekt begegnen. Es hat schon zu viele Ereignisse gegeben, die Afghanen als Demütigung empfunden haben. Guantanamo und Bagram gehören dazu, und Abu Graib im Irak. Viele Ungebildete haben nicht viel mehr als ihren Glauben, viele junge Männer sind frustriert, allzu leicht aufzuhetzen. Das nutzen interessierte Kreise, mit traurigem Erfolg. Doch es ist kein flächendeckender Sturm. Die meisten Afghanen wollen endlich in Frieden mit ihren Familien leben und sagen das auch. Aber öffentlicher Widerstand gegen die Hysterie kann in der aufgeheizten Provinz den Tod bedeuten. Da schützen weder Polizei noch ausländische Truppen. Deshalb schweigen viele. Aber es gibt sie, die Stimmen, die sich gegen die Gewalt wenden. Sie sind nur nicht so laut wie der Mob. Wie viele Couragierte würden in Deutschland ihr Leben riskieren?

Vergessen darf man außerdem nicht, dass in Afghanistan gerade die Macht neu verteilt wird. Wie geht es weiter mit den Taliban, um deren Gunst ein internationaler Wettlauf eingesetzt hat? Das Gros der Ausländer geht bald. Sie dürfen jetzt nicht den Eindruck erwecken, sie würden wie die Karnickel fliehen oder sich verschanzen. Wie war das in Ruanda? Als es kritisch wurde, verschwanden die UN. Das wollte die Welt nie wieder tun. Und sie versprach, Afghanistans Entwicklung großzügig zu unterstützen. Auch damit sieht es nicht gut aus.

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