30 Jahre Friedensbewegung : Wie die Nachrüstung Europa die Freiheit bescherte

Mehr als eine Million Menschen demonstrierten am 22. Oktober 1983 gegen den Nato-Doppelbeschluss: Der Westen wollte gegen den Osten aufrüsten, Raketen sollten dafür in Deutschland stationiert werden. Gleichzeitig schlug die Nato dem Warschauer Pakt Abrüstungsverhandlungen vor. Im Oktober 1983 erlebte die deutsche Friedensbewegung ihren Höhepunkt - doch zum Glück setzte sie sich nicht durch.

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Keine Massen mehr mobilisiert: Zu einer spontanen Demonstration gegen die amerikanischen und britischen Luftangriffe gegen den Irak versammeln sich im Dezember 1998 rund 150 Menschen vor dem Kasseler Rathaus. Sie forderten ein Ende der Militäraktionen, die hauptsächlich dem irakischen Volk schaden würden.
Keine Massen mehr mobilisiert: Zu einer spontanen Demonstration gegen die amerikanischen und britischen Luftangriffe gegen den...Foto: dpa

Die Friedensbewegung feiert sich selbst. Zu Recht und zu Unrecht. Zu Recht, weil der Einsatz für den Frieden prinzipiell immer richtig ist. Nein, der Krieg ist nicht „Vater aller Dinge“, er bringt vielmillionenfachen Tod, und der Spruch, es sei „süß, fürs Vaterland zu sterben“, gehört zu den Perversitäten der Menschheitsgeschichte. Darum ist jede Friedensfeier, jedes Einfordern von Friedenspolitik eine notwendige normative Grundlage und politische Richtschnur zivilisierter Gesellschaften. Zivilisation ist nämlich zuerst und vor allem der Schutz des Menschen vor sich selbst, vor seinem Aggressionsdrang.

Warum feiert sich die Friedensbewegung gerade jetzt, in diesen Tagen? Vor dreißig Jahren, am 22. Oktober 1983, demonstrierten rund 1,3 Millionen Bundesbürger, allein etwa 500 000 im Bonner Hofgarten, gegen die am 12. Dezember 1979 beschlossene Nato-Nachrüstung. Auch vorher sowie nachher fanden jede Menge Demonstrationen und Kundgebungen statt.

Heinrich Böll, Joseph Beuys, Günter Grass, Walter Jens und Pfarrer Martin Niemöller waren dabei, um nur einige Prominente zu nennen. Gab es je vergleichbar große deutsche Demonstrationswellen davor oder danach? Unabhängig von der Größe hatte es auch in der Frühgeschichte der angeblich so verstaubt-passiv-spießbürgerlichen Adenauer-Ära durchaus aktive Demonstranten gegeben: Die außerparlamentarische „Ohne-mich-Bewegung“ war seit den frühen 1950er Jahren gegen die Wiederbewaffnung auf die Straße gegangen, Mitte bis Ende der Fünfziger wegen der militärischen Nuklearisierung in West und Ost. Heftig, häufig und eher unsanft wurde seit Mitte der 1960er gegen den Vietnamkrieg der USA protestiert und demonstriert, und die oft so genannte Neue Friedensbewegung war schon 1977, also vor dem Nato-Doppelbeschluss ge- und erweckt worden: durch den Kampf gegen die Neutronenbombe, mit der US-Präsident Jimmy Carter – sonst eher eine Friedenstaube – die westlichen Streitkräfte aus- und aufrüsten wollte. Wie so oft: So neu war das Neue nicht.

Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist. Von 1981 bis 2012 lehrte er Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.
Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist. Von 1981 bis 2012 lehrte er Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Nato-Beschluss sah vor, US-Pershing-Raketen und Cruise Missiles vornehmlich in Westdeutschland zu stationieren, um das Übergewicht sowjetischer SS-20 Raketen auszugleichen. Das durch dieses Übergewicht entstandene Bedrohungs- und Erpressungspotenzial des Ostblocks gegenüber dem Westen sollte verringert werden. Zugleich hatte die Nato ihrem Widersacher im Kalten Krieg, dem Warschauer Pakt, Verhandlungen über wechselseitige Abrüstung vorgeschlagen. Weniger aus der Position der Stärke als des wiederherzustellenden Gleichgewichts sollte darüber gesprochen und entschieden werden. Die Nachrüstung war nur die eine, das Verhandlungsangebot die andere Dimension des Doppelbeschlusses.

Einer seiner geistigen Väter war Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), der sich letztlich gerade in dieser Frage nicht mehr in seiner eigenen Partei durchsetzen konnte. Der Kölner Parteitag der SPD beschloss im November 1983 mit überwältigender Mehrheit ein Nein zum Nato-Doppelbeschluss. Es gab neben dem Votum Helmut Schmidts nur 15 weitere Ja-Stimmen. Willy Brandt, Egon Bahr, Erhard Eppler und viele andere prominente Sozialdemokraten zählten zu den entschiedenen Gegnern des Nato- und Helmut-Schmidt-Kurses. Vereinfacht lässt sich sagen, dass die meisten Gegner des Nato-Doppelbeschlusses innerhalb und außerhalb der Bundesrepublik keine Selbstauslieferung des Westens an den Osten wollten. Sie fürchteten jedoch, dass die Dynamik jeder Aufrüstung über kurz oder lang zur Anwendung der Waffen, also zum Krieg führe.

1983 war nicht vorhersehbar, wer recht bekommt – Befürworter oder Gegner des Nato-Doppelbeschlusses. Weil um eine Existenzfrage gerungen wurde, hob sich diese Kontroverse von anderen deutlich ab. Inhaltlich ebenso wie in ihrer Intensität. Nie zuvor waren so viele Menschen in Deutschland auf die Straße gegangen. Irgendwann wird Quantität gerade in einer Demokratie zur politischen Qualität, also zur Entscheidungsgrundlage. Die Mobilisierung von Massen gegen die Nachrüstung richtete sich auch gegen Helmut Schmidt und noch mehr gegen seinen seit Oktober 1982 amtierenden Nachfolger Helmut Kohl (CDU) sowie dessen schwarz-gelbe Koalition. Diese hatte bei den Bundestagswahlen vom 5. März 1983 einen fulminanten Wahlsieg errungen.

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