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Botschafter Marnix Krop : Freiheit, Freundschaft und Fahrrad: Wie Niederländer Berlin erfahren

01.11.2012 17:22 UhrVon Marnix Krop
Marnix Krop, Botschafter der Niederlande in Deutschland, setzt sich als leidenschaftlicher Radfahrer gern auf eines der Diensträder seiner Botschaft.Bild vergrößern
Marnix Krop, Botschafter der Niederlande in Deutschland, setzt sich als leidenschaftlicher Radfahrer gern auf eines der Diensträder seiner Botschaft. - Foto: Mike Wolff

Marnix Krop erklärt, warum es niederländische Künstler, Unternehmer und Studenten nach Berlin zieht. Als Botschafter einer Radfahrernation stellt er auch die Frage, ob Radler in Berlin gleichberechtigte Partner im Straßenverkehr sind.

Verehrte Anwesende, sehr geehrter Herr Hassemer, willkommen im Prinz-Claus-Saal!

Seit einigen Monaten steht auf der Seitenfassade der niederländischen Botschaft folgender Text:

 Berlin - Der Morgen ist ein besudeltes Kleid/ Eine Seite mit einem Eselsohr/ Ein Klecks

Die Stadt/ Eine halb abgeschminkte Frau/ Doch zuckend bäumt sie sich in den Himmel/ Wie ein blaues Pferd von Marc im Luftgeschirr

Berlin/ Die Sonne gelb.

Das Gedicht ist von Hendrik Marsman, einem Titan der niederländischen Literatur.

Er schrieb es im Jahr 1922, nach zwei Besuchen in Berlin. Er vergleicht die Stadt mit einer Frau, deren Schminke, vermutlich nach einer langen Nacht, verlaufen ist. Von Erschöpfung oder gar Resignation kann bei ihr allerdings keine Rede sein, denn wie die blauen Pferde auf den Gemälden von Franz Marc sprüht sie vor Lebensfreude.

So steht Berlin bei Marsman einerseits für einen gewissen äußerlichen, ja vielleicht auch moralischen Verfall, andererseits aber verspürt er in der Stadt vor allem eine ungezähmte Energie. Berlin, jene ungeschliffene, vitale Metropole der Zwischenkriegszeit.

Ist dies auch das Berlin des Jahres 2012, neunzig Jahre später? Warum schenkt – wenn man so will – die niederländische Botschaft Marsmans Gedicht dem jetzt 775 Jahre alten Berlin? Entspricht seine poetische Äußerung dem Bild, das Niederländer heute von der deutschen Hauptstadt haben? Was finden Niederländer überhaupt an Berlin?

Viele Fragen, auf die es viele Antworten gibt. Ich hoffe, dass ich einige davon heute geben kann.

Mein Berlin

Lassen Sie mich mit meinem Berlin beginnen. Neben Paris und New York (und abgesehen von Amsterdam) ist Berlin meine Lieblingsstadt. Nicht weil es so schön wäre, denn das ist es – finde ich – nicht wirklich. Sondern weil es mich fasziniert. Das war schon früher so und hat auch mit meiner Erziehung zu tun. Ein geschichtsbewusster Vater hörte nicht auf, mir, seinem Sohn, die Bedeutung Berlins einzuschärfen. Berlin, Dreh- und Angelpunkt der europäischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Stadt, die kurz an der Freiheit geschnuppert hatte, um sie dann mit brutaler Kraft zu zermalmen. Stadt, die dafür mit Isolierung und teils auch mit Unfreiheit büßen musste und damit zum Sinnbild eines geteilten Kontinents wurde. Stadt, in der ich 1977 in der Neuen Nationalgalerie in Westberlin die Ausstellung »Tendenzen der Zwanziger Jahre« besuchte, am Abend desselben Tages im Ostteil der Stadt im Berliner Ensemble eine sehr gelungene Brecht-Aufführung sah, um dann nachts, zurück im Westteil, in einem Zelt auf dem Gelände des Bethanien in Kreuzberg in meinen Schlafsack zu schlüpfen. Stadt, in der 1984 unsere Hochzeitsreise begann und die fünf Jahre später, nach einer wundersamen Revolution, in Frieden und Freiheit ihre Einheit wiedergewann. Botschafter in Berlin – das ist sicher die Krönung einer interessanten Laufbahn, vor allem aber auch einer lebenslangen Faszination für diese Stadt und dieses Land. Die Hauptstadtrede zu halten ist für mich mehr als ein Akt diplomatischer Höflichkeit.

Marsmans Gedicht stammt aus einer Zeit, in der Berlin zur Weltstadt erblühte. Ein verlorener Weltkrieg, ein untergegangenes Kaiserreich, eine unterdrückte Revolution, eine ungeliebte Republik und eine gebrochene Identität – in dieser Gemengelage entfaltete Berlin eine kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Dynamik, die es weltweit zum Vorreiter machte. Hier schien alles gleichzeitig zu geschehen und fast immer etwas früher als anderswo, um dann rasch wieder zu verschwinden und Neuem Platz zu machen. Die Großstadt Berlin wurde zur Symphonie (1927, Walter Ruttmann) und zum Roman (1928, Alfred Döblin »Berlin Alexanderplatz«).

Es ist etwas Besonderes, dass für die neue niederländische Botschaft kein Standort in Tiergarten ausgewählt wurde, wo unsere Vertretung bis zum Krieg angesiedelt war, sondern fast genau dort, wo sich vor dem Krieg das pulsierende Herz der Stadt befand. Lob gebührt meinem Vorgänger Peter van Walsum, der hier an der Spree dieses Grundstück ausgesucht hat, mit einer geradezu holländischen Aussicht. Und Respekt dem Architekten Rem Koolhaas, der mit einer Sichtachse den Fernsehturm am Alexanderplatz buchstäblich zu einem Teil dieses Gebäudes gemacht hat.

Nach der Wende, die in der niederländischen Bevölkerung große Begeisterung auslöste, wollte das Königreich der Niederlande nach Berlin zurückkehren. In erster Linie natürlich, weil die Bundesregierung nach Berlin umzog – und mit ihr Bundestag und Bundesrat. Berlin hat eine segensreiche Rolle für die guten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern gespielt. Hier haben die Ministerpräsidenten Wim Kok, Jan Peter Balkenende und Mark Rutte enge Kontakte mit Bundeskanzler Schröder und Kanzlerin Merkel aufgebaut und unterhalten. Und die Verbindungen werden in Zukunft eher noch intensiver werden. Die Rettung des Euros, die Vertiefung der europäischen Integration und die weitere Verflechtung unserer beiden Volkswirtschaften machen dies notwendig.

Aber das Interesse reicht weiter und ist auch persönlicher. 1991 besuchte Königin Beatrix gemeinsam mit ihrem Mann Prinz Claus als erstes ausländisches Staatsoberhaupt das wiedervereinte Berlin. Sie übernachteten im ehemaligen Gästehaus der DDR: Schloss Schönhausen. Der Entwicklung der wiedervereinigten deutschen Hauptstadt galt stets das besondere Interesse von Königin Beatrix. Nicht umsonst war das »neue« Deutschland ein besonderer thematischer Schwerpunkt ihres Staatsbesuchs in Deutschland im vergangenen Jahr; und der Berliner Teil des Programms begann erst so richtig, als sie zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Wowereit hoch oben in der Kugel des Fernsehturms stand.

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