Der Körperleser : Lafontaine und die Kaskade von Überraschungen

Berufspolitiker sind darin geübt, sich vor der Kamera zu bewegen. Ulrich Sollmann ist Experte für Körpersprache und analysiert für uns, was wirklich dahinter steckt.

Ulrich Sollmann
Oskar Lafontaine ist immer für eine Überraschung gut.
Oskar Lafontaine ist immer für eine Überraschung gut.Foto: dpa

Wer erinnert sich nicht an das idyllische Foto des jungen, glücklich lachenden Vaters Oskar Lafontaine mit seinem Sohn auf den Schultern. Ganz entspannt hält Lafontaines große Hand die kleinen Fingerchen seines Sohnes, damit dieser nicht das Gleichgewicht verliert und womöglich runterfällt. Die lässig zur Schau getragene Abkehr von jedweder Politik sollte einen Schlussstrich unter eine sehr bemerkenswerte, erfolgreiche Politikerkarriere ziehen.

Lafontaine zeigte sich damals 1999 auf dem Balkon seines Zuhauses in Saarbrücken nur kurz, damit noch mehr Spekulationen über die Nachrichtenticker laufen konnten. Spekulationen darüber, was ihn wohl bewogen hatte, zuvor alle politischen Ämter, man könnte fast sagen, fluchtartig zu verlassen. Aber auch Spekulationen darüber, ob und wann er wohl wieder die politische Bühne betreten würde.

Dieser Politiker war und ist immer für eine Spekulation gut: sei es ein überraschender Auftritt, sei es ein Attentat. Ein Attentat, das ihm Jahre zuvor in Form einer Messerattacke zugefügt wurde. Oder durch das er selbst wie beim berühmten Mannheimer Parteitag 1995 einen Überraschungscoup gegen Rudolf Scharping, landen konnte. Hatte er doch durch seine fulminante, leidenschaftliche und überraschende Rede die Parteigenossen spontan für sich gewinnen können. Mal war er Opfer, mal war er Täter.

Sein Leben war und ist eine Kaskade von Überraschungen. Trotz Messerattacke im Wahlkampf treibt er sich mit unglaublicher Selbstdisziplin durch den Wahlkampf gegen Helmut Kohl. Nach der verlorenen Wahl flieht Lafontaine ganz unverhofft nach St. Lucia. Dann Mannheim – der Putsch. Er reißt die SPD 1998 aus dem Umfragetief. Die Genossen jubeln, küren aber Schröder zum Kanzlerkandidaten. Lafontaine hält sich für den Fähigsten und muss eine bittere Niederlage einstecken. Man sieht ihm unmissverständlich seinen Schmerz an. Dann 1999 die Fahnenflucht, wie viele Medien es betitelten. – Später erfährt man dann ganz beiläufig, dass er wohl damals Opfer einer Intrige des engsten Kollegenkreises geworden ist.

Der Makel blieb aber an ihm hängen. Alle Welt sprach von Lafontaines Fahnenflucht. Während der Intrigant, der sich selbst in den Medien geoutet hatte, schnell in mediale Vergessenheit geriet.

Was ist Lafontaine für ein Mensch? Wie ist dieser Mensch? Was treibt ihn wohl im Innersten an? Ich stelle ihn mir mit seinem leicht zur Seite geneigten Kopf und seinem oftmals beleidigt wirkenden Lächeln vor. Er fühlt sich wohl verkannt und ungeliebt. Ich sehe aber auch den hämisch lachenden Menschen vor mir, den aggressiven, daher gefürchteten, Wahlkampfredner, mit einem durch die Jesuitenschule geschärften Verstand und Wort. Natürlich auch einen Politiker, dessen Kopf sich schützend zwischen die Schultern bis in den Rumpf zu drücken scheint. So als müsste er sich gegen die Welt wehren, gegen den unsichtbaren Feind. Einen Feind, um den er aufgrund seiner Lebenserfahrung zu wissen scheint, gegen den er aber durch die geschliffene politische Rede ankämpft.

Sein Blick, überstark kontrollierend, stechend, bohrend – man kann sich ihm nicht entziehen. Dieser Blick geht durch!

Wenn er verloren hat oder zu verlieren beginnt, schiebt sich sein Kopf leicht nach hinten. Die Nackenmuskulatur spannt sich wie ein Stahlseil. Die Nackenmuskulatur muss in dieser Haltung tief schmerzen. Oder ist es doch die Sekunde vor der erneuten Attacke?

Sein Gesicht ist maskenhaft, sein Blick entrückt. Wenn da nicht die zu Schlitzen zusammengepressten Augen wären. Lafontaine entgeht nichts. Ihm darf nichts entgehen.

Wirkt er doch auch gerade in dieser Kopfhaltung wie jemand, der zum letzten vernichtenden Schlag ausholt oder aber dem Feind den verletzlichen Hals hinhält und sich ergibt.

Lafontaines Kopfhaltung und Mimik können den Eindruck erwecken, dass dieser Mann harte, lebensbedrohliche Erfahrungen gemacht hat. – Lange vor der Messerattacke. Vielleicht symbolisiert dies alles ein Dilemma in Lafontaines Leben: nämlich zwischen der Rolle als Opfer und der Rolle als Täter zu leben. Leben zu müssen. - In regelmäßiger Wiederholung.

Lafontaines Nackenmuskulatur reißt trotz extremer chronischer Anspannung nicht, dafür reißt aber der Kontakt zu den Menschen ab. – Sehr kleine Kinder schützen sich gegen die ihnen zugefügten Schmerzen, seien es körperliche oder seelische Schmerzen, einerseits indem sie wegschauen und den Blick ins Leere gehen lassen. Oder aber durch die Verspannung der Nackenmuskulatur, um die unangenehmen Wahrnehmungsreize auf ein Minimum zu reduzieren. Die Kinder reduzieren dadurch das Erleben von Schmerz, ziehen sich zurück, zurück aus dem Kontakt. Wird ein solches Verhaltensmuster, verknüpft mit einem chronischen Verspannungsmuster, wiederholt aktiviert, nimmt der Mensch nicht in vollem Umfang an der Fülle des ihn umgebenden Lebens teil. Könnte es doch auch so wie sonst erneut bedrohlich werden.

Lafontaine wird gesehen aber verkannt, und verkennt sich selbst. Nur ein genauer Beobachter findet Zugang zu der zaghaften selbst-sichernden Verlegenheitsgeste, wenn er sich mit Zeigefinger und Daumen ganz unverhofft, während er redet, ans Ohrläppchen fasst. Dieser Mann ist auch unsicher, fast scheu und muss immer wieder die Rolle des Attentäters spielen. -Für andere. Wie diesmal?

Kontakt zum Autor: info@sollmann-online.de  

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