Gastkommentar : Petros Markaris: Europa ist eine Familie

Der griechische Schriftsteller Petros Markaris über seine Landsleute, die enttäuscht darüber sind, dass die Deutschen so zögerlich wirken, einem Mitglied der europäischen Union zu helfen.

Petros Markaris
Petros Markaris.
Petros Markaris.Foto: dpa

Die Griechen fühlen sich, als müssten sie mitten im Sommer im T-Shirt durch einen Schneesturm marschieren, bis zu dessen Ende es viele Winter dauern kann. Es ist ein Schock, wenngleich sich die Katastrophe längst angekündigt hatte. Traditionell gibt es ja kaum Vertrauen in den Staat oder die Regierung. Aber wir haben in Ministerpräsident Papandreou einige Hoffnungen gesetzt, weil er persönlich als völlig integer gilt. Doch er ist ein sehr langsamer Politiker, der Entscheidungen lieber vermeidet und immer wieder verzögert. So hat Griechenland nach den ersten Alarmzeichen in der Krise praktisch sieben Monate verloren. Man hätte wie Irland zu Beginn der Finanzkrise sofort mit einschneidenden Maßnahmen reagieren müssen. Seit sieben Monaten warten wir auf neue Steuergesetze oder ein neues Sozialversicherungsrecht. Es wird noch immer gestritten, ob die Renten künftig ab 65 oder ab 67 Jahren gezahlt werden, als ob noch Zeit und Geld zum Debattieren da wären.

Was mich persönlich traurig macht, ist das gestörte Verhältnis zwischen Griechen und Deutschen. Die Griechen sind verbittert, dass die Deutschen so zögerlich wirken, einem Mitglied der europäischen Familie zu helfen. Europa ist nun mal eine Familie, da darf man einem vielleicht ungezogenen Kind, wenn es dazu noch krank wird, nicht die Medizin und Hilfe verweigern. Auch die Europäische Union begreift viel zu langsam, dass die jüngsten Angriffe der Finanzmärkte nicht allein Griechenland gelten, sondern der ganzen EU und dem Euro.

Was nicht stimmt und was auch in Deutschland manche Boulevardzeitungen kolportieren, ist die Verdächtigung, den Griechen gehe es bisher zu gut. Bei uns verdient ein Mittelschullehrer kaum mehr als 1.000 Euro im Monat, und die große Mehrheit der Rentner arbeitet bis Mitte sechzig und lebt von 400 - 500 Euro monatlich. Dabei sind die Preise vor allem in den größeren Städten nicht viel niedriger als in Deutschland.

Ein gravierendes Problem ist das Fehlen einer solidarischen Zivilgesellschaft in Griechenland. Jeder kämpft jetzt für sich allein. Und die wirklich Reichen, die griechischen Reeder, die Inhaber der Schiffsgesellschaften haben bisher kein Zeichen gegeben, dass sie sich an der Rettung ihres Landes beteiligen wollen. So hat Papandreou bereits von der "neuen Odyssee" gesprochen. Und die hat bis zu Odysseus' Rettung und Heimkehr bekanntlich zehn Jahre gedauert.

Der griechische Schriftsteller Petros Markaris wurde international durch seine Kriminalromane um den in Athen ermittelnden "Kommissar Kostas Charitos" bekannt. Seit 2008 ist er Vorsitzender des Nationalen Buchzentrums Griechenlands (EKEBI).

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