Gastkommentar : Politische Korrektheit: Fatale Karriere eines Begriffs

So berechtigt Kritik an überdrehter „politischer Korrektheit“ ist: Inzwischen hat diese Kritik einen bedenklichen Drall entwickelt. Es entstand ein Kampfbegriff, eine Parole national- oder christlich-konservativer Kreise.

Liane Bednarz
Man wird doch wohl noch sagen dürfen... Wer Stammtischparolen über Einwanderer oder Homosexuelle zurückweist, wird häufig mit dem Label "politisch korrekt" bedacht.
Man wird doch wohl noch sagen dürfen... Wer Stammtischparolen über Einwanderer oder Homosexuelle zurückweist, wird häufig mit dem...Foto: Wikipedia

Man hat es in der Bundesrepublik im Jahr 2014 nicht leicht, wenn man Haltungen kritisiert, die gemeinhin als „politisch korrekt“ gelten. Wenn man also etwa gegen das so genannte „Gendermainstreaming“ ist, das die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau für irrelevant erklärt und behauptet, die männliche oder weibliche oder transsexuelle Identität seien eine völlig freie Entscheidung des Menschen. Oder wenn man das Betreuungsgeld für eine gute Sache hält, weil der Staat nicht nur ein bestimmtes Familienmodell, nämlich das der arbeitenden Mutter fördern soll. Weil man findet, dass der Staat jeder Familie, jeder Frau die Möglichkeit anzubieten hat, sich für oder gegen eine Betreuung der Kinder in der Kita zu entscheiden.

Meistens heißt es dann, man sei „unmodern“, „nicht fortschrittlich“ oder gar „spießig“. Gleichwohl hält man durch, jedenfalls dann, wenn der eigene Konservatismus oder Liberalismus fest verankert ist und man es daher nicht mag, sich vorgeblich „fortschrittliche“ Gesellschaftsideen vorschreiben zu lassen. Und deshalb ist genau diese Anmaßung, ein pseudo-progressive Weltbild gesetzlich zu verankern - man denke etwa an die neuerdings „geschlechtsneutrale“ Sprache in der Straßenverkehrsordnung - etwas, das sowohl Konservative als auch Liberale äußerst kritisch sehen.

Eine weitere Dimension der Thematik eröffnete die völlig überzogene Sexismus-Debatte, die Anne Wizorek unter dem Twitter-Hashtag #Aufschrei vor ziemlich genau einem Jahr initiierte. Welche Verhaltensweisen nun plötzlich alle sexistisch sein sollten, irritierte. Zumindest dann, wenn man kein Anhänger des Feminismus à la Schwarzer und Mika ist. Wie sehr dieser feministische Tugendfuror auf Befremden stieß, zeigte sich etwa daran, dass Birgit Kelles Gegenstatement „Dann mach doch die Bluse zu“ auf dem Debattenportal „The European“ eine außerordentliche Resonanz bekam und laut „W&V“ zum „Social Media-Phänomen“ des Jahres 2013 avancierte.

Überall wittern manche Konservative "Zensur" und "Tugendwächterei"

Insofern sprach und spricht sehr viel dagegen, sich "politisch korrekten" Forderungen unkritisch zu unterwerfen. Eine derartige Tugendwächterei und Vorschreiberitis ist nicht mit einer liberal-konservativen Geisteshaltung vereinbar. Und ganz offenbar empfanden das auch andere Milieus so. Denn das Image der „Verbotspartei“ kostete die Grünen bei der letzten Bundestagswahl viele Stimmen im linksliberalen akademischen Milieu. Mag Ines Pohl von der "taz" für dieses Bild der Partei noch so sehr „die Springer-Presse“ und die "FAZ" und "FAS" verantwortlich machen, die angeblich die Forderung der Grünen nach einem „Veggie-Day“ aufgebauscht und sie so als „spaßbefreite Moralapostelpartei“ dargestellt hätten.

Inzwischen hat die Kritik an der politischen Korrektheit allerdings einen Drall entwickelt, der bedenklich ist. Mehr und mehr nämlich ist das „politisch Inkorrekte“ zu einer Art Kampfbegriff, einer Parole national- oder christlich-konservativer Kreise mutiert.

Bestens zu beobachten ist dieses Phänomen in Diskussionsforen oder sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Überall wittern manche Konservative „Zensur“ und „Tugendwächterei“, sobald man ihnen kritisch entgegentritt. Wenn man etwa in der "Rumänen und Bulgaren"-Debatte Stammtischparolen kritisiert, die so tun, als würde das Land demnächst von einem Riesenansturm von „Einwanderern in die Sozialsysteme“ überrollt, wird man der "politischen Korrektheit" bezichtigt. Schnell kommt dann auch der Spruch: "Das wird man doch noch sagen dürfen."

Zahlen zu eben dieser sogenannten "Armutszuwanderung", die der oder die "politisch Korrekte" postet, werden konsequent ignoriert. Man ereifert sich stattdessen über das "Duisburg-Haus" und sonstige Einzelerscheinungen, die das eigene Vorurteil bestätigen. Wer die Stammtischparolen zurückweist und repräsentative Daten anführt, wird gefragt, ob er die Seiten gewechselt habe, gar „links“ geworden sei. Und natürlich bestehen Verfechter dieser Sichtweise oftmals darauf, "Zigeuner“ statt Sinti und Roma zu sagen, sprechen von „Zensur“, wenn genau das moniert wird.

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