Gastkommentar : Wir brauchen mehr Buschkowskys

16.10.2012 17:32 UhrVon Thomas Baader
Umstritten: Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky und sein Buch. Foto: dapd
Umstritten: Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky und sein Buch. - Foto: dapd

Die Kritiker am Buch des Neuköllner Bürgermeisters sollten sich lieber selbst sozial engagieren, anstatt eine scheinheilige Opferdebatte zu führen, meint unser Gastautor, der Sprecher eines Vereins für Integration und Menschenrechte ist.

Ich betrachte mich mittlerweile auch als Teil einer Minderheit. Natürlich keiner ethnischen oder kulturellen. Ich gehöre der Minderheit jener an, die sich in einer Debatte um ein Buch zu Wort melden und dieses Buch auch wirklich gelesen haben. Bei anderen habe ich da leider meine Zweifel. Ekin Deligöz wird mit den Worten zitiert, Buschkowksy biete keine Lösungen an. Dabei war zu diesem Zeitpunkt eine lange Liste von Lösungsvorschlägen, die "Neukölln ist überall" enthält, in diversen Zeitungen bereits thematisiert worden.

Selbst ohne Lektüre des Buches hätte man also auf die Idee kommen können, dass dieser Vorwurf seinen Urheber nicht sonderlich informiert wirken lässt. Und die vielfache erhobene Behauptung, Buschkowksy hätte als Verantwortungsträger in Neukölln jene Probleme, über die er sich beschwert, längst selbst lösen können, verkennt die Gestaltungsmöglichkeiten und Zuständigkeitsbereiche, die ein Bezirksbürgermeister hat. Der Berliner SPD-Politiker Aziz Bozkurt geht noch einen Schritt weiter und zieht eine Linie von Breivik zu Buschkowsky. Damit kann man sich eigentlich nicht mehr inhaltlich auseinandersetzen, denn hierbei geht es nur noch um bloße Diffamierung.

Den meisten dieser Kritiker ist ohnehin eines gemein: Sie sind bislang nicht bemerkbar in Erscheinung getreten, wenn es um Engagement gegen "Ehrverbrechen", Zwangsheirat und häusliche Gewalt ging. Sie sind viel zu viel damit beschäftigt, Integrationspolitik als permanenten Opferdiskurs zu führen, der freilich nicht das Gegenteil des in rechtsradikalen Kreisen üblichen Täterdiskurses ist, sondern vielmehr seine spiegelbildliche Entsprechung. Buschkowsky vermeidet diese beiden Extreme, und das ist als sein Verdienst hervorzuheben.

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Trotzdem herrscht bei den Kritikern eine völlig andere Wahrnehmung vor. Wie kann ein Bürgermeister nur so über seinen Bezirk schreiben? Diese Art der Kritik enthält alle Elemente einer klassischen Verräterdebatte: Ein Bezirksbürgermeister spricht bitteschön nur Gutes über "seine" Leute. Ebenso soll eine Soziologin oder eine Frauenrechtlerin, die Angehörige einer Minderheit ist, doch unter gar keinen Umständen ein schlechtes Wort über eben diese Minderheit verlieren. Tut sie es doch, so kann es passieren, dass ein Feuilletonist sie als "überangepasst" oder "radikalsäkularisiert" bezeichnet - was für einige Geister offenbar das Schlimmste ist, was eine Migrantin überhaupt sein könnte. Und auch jener Lehrer, der sich bei Bekanntwerden der Missbrauchsvorfälle an der Odenwaldschule konsequent auf die Seite der Opfer stellte, galt einigen seiner Kollegen als "Judas" und "Nestbeschmutzer".

All den genannten Fällen ist gemeinsam, dass der Ruf und das Ansehen einer Gemeinschaft von Menschen offenbar mehr zählt als das, was einzelne Angehörige dieser Gemeinschaft erleiden. Entsprechend emotional reagiert man auf den Unruhestifter, der die Botschaft verkündet: "Bei uns ist nicht alles in Ordnung." Wir brauchen viel mehr dieser Verräter. Man sollte "Nestbeschmutzer" zum nächsten Unwort des Jahres erklären.

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