Gastkommentar zur Beschneidungsdebatte : Danke, Deutschland!

21.09.2012 13:01 Uhrvon
  • 09.09.2012: In Berlin demonstrieren rund 300 Menschen für das Recht auf religiöse Beschneidung. Juden, Politiker aus christlichen Religionen und Muslime fordern gemeinsam Rechtssicherheit für den Eingriff bei Neugeborenen und kleinen Jungen. Foto: dapd
    09.09.2012: In Berlin demonstrieren rund 300 Menschen für das Recht auf religiöse Beschneidung. Juden, Politiker aus christlichen Religionen und Muslime fordern gemeinsam... - Foto: dapd
  • Auf dem Bebelplatz übt die Initiatorin der Demonstration, Lala Süsskind – Vorsitzende des „Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus“ – scharfe Kritik am Vorschlag von Justizsenator Thomas Heilmann. Der CDU-Politiker hatte angekündigt, dass religiös motivierte Beschneidungen in Berlin weiter straffrei bleiben sollen. Foto: dapd
    Auf dem Bebelplatz übt die Initiatorin der Demonstration, Lala Süsskind – Vorsitzende des „Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus“ – scharfe Kritik am Vorschlag... - Foto: dapd
  • Auch der orthodoxe Rabbiner Yitshak Ehrenberg bezeichnet die Berliner Regelung zur Beschneidung als "unglücklich". Ausgelöst wurde die Debatte durch eine Entscheidung des Landgerichts Köln im Mai dieses Jahres. Es wertete die Beschneidung eines muslimischen Jungen als Körperverletzung. Foto: dpa
    Auch der orthodoxe Rabbiner Yitshak Ehrenberg bezeichnet die Berliner Regelung zur Beschneidung als "unglücklich". Ausgelöst wurde die Debatte durch eine Entscheidung des... - Foto: dpa

Die Beschneidungsdebatte vertreibt uns Juden nicht aus Deutschland, meint Michael Wolffsohn. Im Gegenteil: Eigentlich verdanken wir Juden der Debatte die Möglichkeit, über unsere Identität nachzudenken. Ein Gastkommentar.

Auch während der „Beschneidungsdebatte“ und nach dem verbrecherischen Überfall auf Rabbiner Alter und die jüdischen Schulmädchen in Berlin sagt (m)eine jüdische Stimme: Danke, Deutschland!

Die Mehrheit in- und ausländisch jüdischer Repräsentanten verkündet, dass jüdisches Leben in Deutschland „offensichtlich wieder unerwünscht“ sei. Manche schlagen den Bogen vom Kölner Urteil zu Auschwitz, andere drohen mit Auswanderung, an die zu Recht niemand ernsthaft denkt, denn Bundes-Deutschland meint es gut mit uns Juden.

Mit Kofferpacken und Auswanderung drohen manche „meiner“ jüdischen Vertreter seit Jahrzehnten. Fakt ist, dass in der Alt-BRD 30 000 Juden lebten, heute etwa 250 000. Darüber hinaus wird die Zahl der allein in Berlin lebenden Israelis auf rund 50 000 geschätzt, Tendenz steigend. Juden kommen nach Deutschland, sie wandern nicht ab oder aus. Die jüdische Basis hat mit den Füßen zugunsten Deutschlands abstimmend, die wortreichen, zeitweise zurückgenommenen, dann doch wiederholten Drohungen ihrer Führung widerlegt.

Video: "Beschneidung ist Teil der muslimischen Identität"

Interview zum Thema Beschneidung

Die Vermengung der Beschneidungsdebatte mit dem Überfall auf Mädchen und Rabbiner ist irreführend und sachfremd. Der Rabbi und die Mädchen wurden Opfer, weil Deutschland und Europa längst Nebenschauplatz des arabisch-muslimisch-israelischen Dauerkrieges sind. Die Beschneidungsdebatte (be)trifft Juden und Muslime gleichermaßen, wobei kaum jemand mehr vom Ausgangspunkt der Debatte, den Muslimen, und jeder über „die“ Juden spricht. Auf beide Überfälle reagierte die deutsche Öffentlichkeit und Politik einhellig mit schärfster Ablehnung. Danke, Deutschland.

Bildergalerie: Die Debatte um das Beschneidungsurteil in Bildern

Von den in Deutschland lebenden Juden sind weniger als die Hälfte Mitglieder der 108 jüdischen Gemeinden, deren Dachverband der Zentralrat ist. Stetig sinkt seit Jahren die Zahl der Gemeindemitglieder. Die mangelnde Attraktivität der jüdischen Gemeinden hat viele Gründe: Man denke an innergemeindliche Dauerfehden, die besonders Berliner bestens kennen. Jenseits der oberflächlichen, eher läppischen Gründe gibt es eine tiefe Ursache für die mangelnde Attraktivität jüdischer Gemeinden: Die allgemeine Verweltlichung und der „Gott ist tot“-Glaube haben zu einem Desinteresse an Religion und jeglicher Institution der Religion geführt. Diese fast totale Verweltlichung trifft jüdische wie christliche Gemeinden gleichermaßen.

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