Islam und Gewalt : In allen Religionen gilt die Goldene Regel - auch für Muslime

Koransuren-Pingpong führt nicht weiter. Es kommt auf die Menschen an, die die Religion leben. Die allermeisten wissen tief in ihrem Herzen, dass Gewalt falsch ist - und immer falsch war. Eine Analyse.

Alexander Görlach
Pakistanische Frauen rezitieren den Koran für die Opfer eines Erdbebens im Oktober 2015.
Pakistanische Frauen rezitieren den Koran für die Opfer eines Erdbebens im Oktober 2015.Foto: AFP

Seit dem 11. September 2001 drehen wir uns um dieselben Fragen: Ist der Islam eine gewalttätige Religion? Ist der Islam mit der westlichen, liberalen Demokratie vereinbar? Die Antworten lauten in der Regel "Ja, aber" oder "Nein, aber". Es werden Suren hin und her geschoben, es wird interpretiert und argumentiert, mit dem Leben des Propheten Mohammed argumentiert oder dem toleranten Zusammenleben in Al-Andalus. Ohne Ergebnis. 

Kann denn das Pendel nicht in eine Richtung ausschlagen, zum Guten oder Schlechten, nur, damit wir mit der Antwort arbeiten können und wissen, woran wir sind? Kann es meiner Meinung nach schon: Ausschlag geben die Menschen. Muslime sind der lebende Islam, das andere sind tote Buchstaben. Und mit diesem Ansatz liegt die Antwort auf der Hand: Die Mehrheit der Muslime lebt in Weltgegenden, in denen arabisch eine Fremdsprache ist. Diese Mehrheit lebt in Südostasien, also fernab des Chaos, in den das Haus Saud mit seinem Steinzeit-Wahabismus, aus dem sich sehr vieles dessen speist, was heute als gewaltbereit im Haus des Islam und darüber hinaus wütet, die Welt gestürzt hat.

Es sind diese Menschen, die von sich sagen, dass sie Muslime sind und dass sie diese Gewalt verabscheuen. Und genügend Muslime in der arabischen Welt und in Afrika sind ebenfalls angewidert von dem Treiben des Islamischen Staates, Boko Haram, Al-Qaida und wie die Terrorbanden heißen. 
Warum wollen viele im Westen ihnen nicht glauben? Alles hebt beim konkreten Menschen an, er ist überall auf der Welt derselbe, sei er Muslim oder Christ. Jemand, der ein Terroropfer beklagen muss, tut das mit gleichwerten Tränen in Beirut oder Paris. Dieser empathische Humanismus sollte uns Europäern doch nicht fremd sein. 

Die meisten Menschen sind in der Lage, gut und böse zu unterscheiden

Wir stellen uns den Menschen als vernunftbegabtes Wesen vor, das, einem inneren Kompass, einem natürlichen Sittengesetz folgend, in der Lage ist, gut und böse zu unterscheiden. Dieses Gute und Böse kommt nicht mit der Annahme einer Offenbarung, also des Koran oder Jesus Christus, sondern es kommt dem Menschen qua Menschsein, mit seiner Geburt zu. 
Das Naturrecht, das schon in den Paulusbriefen des Neuen Testaments eine Rolle spielt, beschreibt nichts anderes: In den verschiedenen Städten der Peloponnes findet der Apostel verschiedene Gesetzestexte vor, denen allen eine bestimmte Anzahl von Regeln und Vorstellungen gemein sind. Aus dieser Gemeinsamkeit leitet er ab, dass es einen inneren Bezug zwischen ihnen gibt, eine allgemein gültige Vorstellungen, Normen. Er schreibt im 2.

Kapitel des Briefs an die Römer: "Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz  geschrieben ist." "Heiden" meint hier "die Völker", alle Nicht-Juden, denen die Thora nicht offenbart wurde. Die göttliche Offenbarung, ihre Regeln und Normen, findet sich also in den Herzen aller Menschen. 

Es gibt aber auch den menschlichen Drang, andere herabzusetzen

Eine dieser bekanntesten Normen, die in allen religiösen Traditionen vorzufinden ist, ist die so genannte Goldene Regel. Sie lautet, in den Worten des Evangelisten Lukas: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen." (Lk. 6,31). Der deutsche Volksmund hat daraus gemacht: "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu."
Jedem Menschen kommt das Verständnis und die Empathie zu, diesen Satz zu verstehen. Er ist für Menschen, die ohne Metaphysik nicht sein wollen, eine göttliche Offenbarung, die jedem Menschen mit auf den Lebensweg gegeben ist. Für den Nicht-Religiösen ist diese Regel mit der Kraft der Vernunft und ohne Rückgriff auf ein höheres Wesen oder eine überirdische Macht einsichtig. 
Deshalb lehnt die Mehrheit der Muslime Gewalt im Namen ihrer Religion ab. Weil sie sowohl der Vernunft, dem allgemeinen Sittengesetz, der natürlichen Offenbarung, dem Naturrecht und der göttlichen Offenbarung widerspricht. Mit eben dieser Begründung lehnen alle Menschen guten Willens Gewalt ab. Der Mensch, wenn er Mensch ist, distanziert sich von Gräueltaten, wie sie in Paris oder Beirut gerade erst wieder begangen wurden, zuallererst, weil er Mensch ist.

Diese natürliche Offenbarung ist die höchste Form der Offenbarung, denn sie braucht nicht die Anerkennung eines göttlichen Wesens, sondern die Stärke, dass ein Mensch in einem anderen Menschen wirklich einen Menschen erblicke. Der Mensch kann es sich leicht machen und einen anderen aufgrund äußerer Merkmale oder Einstellungen verurteilen und ihm den gleichen Stand, die gleiche Würde versagen. Die Kraft der Religion wie die Kraft des Menschseins besteht darin, diesem Drang nach Herabsetzung und Entwürdigung zu widerstehen. Sie sitzt tief im Menschen und hat Ursache in der Verunsicherung, die das Fremde in einem Individuum oder einer Gruppe auslöst. 

Das ist die Herausforderung jeden Humanismus': dass er den Menschen wirklich als Mensch wahrnimmt. In Zeiten, in denen Fremdenfeindlichkeit in Europa und Deutschland wieder mächtig Fuß fassen, in einem Jahr, in dem in Deutschland auf beschämende Weise Flüchtlingsunterkünfte angezündet und Attacken auf die Schwächsten unter uns, die Flüchtlinge, zunehmen, stellt sich die Frage, wo unser Humanismus ist, wie wir ihn verteidigen können und wer seine wirklichen Feinde sind.
Es gibt anderthalb Milliarden Muslime auf der Welt. Fast alle, bis auf eine Minderheit von ihnen, leben nach der Goldenen Regel, so wie es die allermeisten Christen und, entscheidend, ohne jeden religiösen Kontext, die allermeisten Menschen tun.

Wer - in welcher Orthodoxie auch immer -, Gruppen marginalisiert, um eine Mehrheit zu privilegieren, einen Missstand zu vertuschen, sich selbst in ein besseres Licht zu setzen, der vergeht sich an dem ersten Prinzip der Mitmenschlichkeit genauso wie an der Offenbarung, wie sie religiöse Menschen in der Welt am Werk sehen. Die Ausgrenzung, die homosexuelle Menschen im christlichen Russland erfahren, ist eines der übelsten Beispiele, die es dafür in der Gegenwart gibt und führt für einen kurzen Moment weg von der Islam-und-der-Westen-Konstellation.

Gewalt war schon immer falsch

Es kann nicht darum gehen, Koransuren gegeneinander aufzuwiegen. Wer die Religion missbraucht, um Menschen gegen Menschen in Stellung zu bringen, verunglimpft sie. Es ist fraglos, dass sich die islamische Weltgemeinschaft, ähnlich wie die katholische oder die anglikanische Herausforderungen gegenübersieht, wie sie das Leben in einer globalisierten Welt meistern kann; in einer Welt, in der der andere, der früher fremd und weit weg war, ganz nahe kommt, sei es als Flüchtling in ein Land oder nur einen Mausklick entfernt mich mit einer fremden Lebensweise konfrontiert. 
Humanismus ist im 21. Jahrhundert nicht leichter geworden, im Gegenteil, die Herausforderungen wachsen und deshalb nehmen die Spannungen, überall auf der Welt zu. Alte Texte auf die darin dargelegten Grausamkeiten zu untersuchen und daraus Ableitungen für die Gegenwart zu treffen, führt nicht weiter. Denn die Gewalt, die darin zum Ausdruck kommt, war schon immer falsch. Zu Christi und zu Mohammeds Zeiten.


Alexander Görlach forscht an der Harvard Divinity School zur Zukunft von Säkularismus. Er ist der Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.

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