• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Pro & Contra : Ist Religion Privatsache?

07.12.2012 14:43 UhrVon Elisabeth von Thadden, Patrik Schwarz
Mein Glaube, dein Glaube, unser Glaube. Foto: dpaBild vergrößern
Mein Glaube, dein Glaube, unser Glaube. - Foto: dpa

Nichts ist so privat, wie der Glaube, könnte man meinen. Aber ist das tatsächlich so? Zwei Redakteure, beide Mitglied in der evangelischen Kirche, sagen ihre Meinung - und die könnte unterschiedlicher kaum sein.

Privatsache? Ja!

Damals, am Berg Sinai, hat der biblische Gott sich in seinen Geboten nicht dazu geäußert, ob der Glauben Privatsache sei. Aber er hat dem Menschen eine radikal persönliche Beziehung angetragen, erstes Gebot: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.« Am Individuum führt in dieser Beziehung kein Weg vorbei, das ist fordernd, aber umso reicher ist die Zusage, als unverwechselbarer Mensch angenommen zu sein: »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst«, so sagt der Prophet Jesaja Gottes Wort weiter, »ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« Angeblich war das so.

Angeblich, aber kein Mensch weiß es. Und ob es so war oder nicht, wird sich weder durch Quellenkritik noch statistisch, weder durch Dogmatik noch durch Laborwerte nachweisen lassen. Was einer glaubt, ist schon allein deshalb Privatsache, weil jeder für sich selbst herausfinden muss, was er mit der Vernunft in Einklang bringen kann und was nicht. Wer der Bibel mehr Glauben schenkt als irgendeiner herrschenden Lehre, macht das mit sich aus und mit seinem Gott.

Eine Frage der Freiheit: Was im inneren Menschen vorgeht, um den es dem biblischen Gott der Gebote ging, muss letztlich frei sein von dem, was in der Außenwelt der Gesellschaft den Menschen auf Trab hält. Was im inneren Menschen vorgeht, ist unverfügbar. Insofern ist nichts so privat wie Religion. Und wer auf sie zugreifen will, begeht eine Art seelischen Hausfriedensbruchs.

Aber dies festzustellen hilft leider wenig, um Menschen voreinander zu schützen, die seit dem Sinai im Namen der Religion übereinander herfallen. Außer konkurrierenden Ansprüchen auf die Wahrheit ist in den zahllosen Deutungen von göttlichen Geboten und heiligen Texten leider nichts Verbindliches ausfindig zu machen – aber was sich überall zeigt, ist Gewalt. Auch deshalb bleibt Religion besser Privatsache, anstatt als Treibstoff und Sprengstoff Kriege zu befeuern. Religiöser Unfrieden ist jedenfalls keine Privatangelegenheit. Weil der Dreißigjährige Religionskrieg den Kontinent Europa in die Verwüstung trieb, ist aus der restlosen Erschöpfung der moderne Staat entstanden, mitsamt seiner Vernunft, und hat für sich das Monopol reserviert, Gewalt auszuüben.

Das Paradox, das dadurch in die Welt kam, gehört zu den besten Sonderbarkeiten der Menschheitsgeschichte: Die Religion als unverfügbare Freiheit zu betrachten heißt kurioserweise, sich auf den weltanschaulich neutralen Staat fest zu verlassen. Wer den nicht als Schutz hat, ist nicht mit Sicherheit frei – sondern lebensgefährlich frei.

Heute findet der Staat im Zweifelsfall heraus, ob ein Motorrad fahrender Sikh mit seinem Turban von der Helmpflicht entbunden ist oder nicht. Also keine Privatsache. Der demokratische Rechtsstaat weiß es besser als die Millionen religiöser Einzelprivatmeinungen, die er schützt. Und was einer glauben will, stellt er frei. So kann man christlich daran glauben, dass ein Gekreuzigter aus einem durch Felsbrocken verschlossenen Grab aufbrach und alsbald in den Himmel fuhr. Aber glauben kann man eben auch, dass am 21. September 1823 der Engel Moroni einem amerikanischen Herrn namens Smith erschien, um ihm das Buch Mormon zu überreichen. Und glauben kann man an den hinduistischen Affengott, der Tausende von Kilometern mit nur einem Purzelbaum zurücklegen kann.

Alles Privatsache, selbst dann noch, wenn man seinen Glauben in die Öffentlichkeit trägt, ihn feiert, ihn mit guten Gründen politisch werden lassen will. Alles Privatsache, solange man als Glaubender das staatliche Gewaltmonopol achtet und mit dem Gesetz auch sonst nicht ins Gehege kommt. Denn dann ist Schluss mit privat. Auch um Menschen vor Menschen wirksam schützen zu können, muss Religion Privatsache sein.

Elisabeth von Thadden

Tagesspiegel twittert

Empfehlungen bei Facebook

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz

Videos - Meinung

Umfrage

Sollte die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller die Berliner Ehrenbürgerschaft erhalten?

Service

Weitere Themen