RTL plant neue Serie "Deutschland" : TV-Serien und das Fernsehen passen nicht zusammen

RTL will es mit seiner neuen Serie über einen DDR-Spion in Westdeutschland "mit den amerikanischen Vorbildern" aufnehmen. Doch Matthias Kalle fragt sich, ob das Fernsehen für Serien überhaupt noch das richtige Medium ist.

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Die Schauspieler Jonas Nay und Ludwig Trepte am Set der RTL-Serie "Deutschland".
Die Schauspieler Jonas Nay und Ludwig Trepte am Set der RTL-Serie "Deutschland".Foto: dpa

Der Verdummungskonzern RTL also plant eine Serie für das Jahr 2015, acht Folgen soll sie haben und einen Titel gibt es auch schon: „Deutschland“. Es soll um einen DDR-Spion gehen, der im Jahr 1983 nach Westdeutschland eingeschleust wird und irgendwann nicht mehr weiß, für welche Seite er eigentlich sein soll – vielleicht wurde das Fragezeichen vergessen und die Serie müsste eigentlich „Deutschland?“ heißen.

Jedenfalls berichtete „Bild“ über die „Mega-Reihe“, bei „Bild“ finden sie ja alles „mega“, was die Privatsender machen, und alles schlecht, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk macht, aber das hat vor allem mit den Eigeninteressen von Springer zu tun. Produzent Nico Hofmann, verantwortlich für „Deutschland“, zitiert das Blatt so: „Wir werden die Messlatte für deutsche Serien neu definieren.“ Das klingt erst mal größenwahnsinniger, als es tatsächlich ist.

Eine Messlatte kann man höher oder tiefer legen – wenn man sie neu definiert, dann steht noch lange nicht fest, wo sie überhaupt liegt, möglicherweise wird die Messlatte ganz einfach auf den Boden knallen, wenn „Deutschland“ dann mal fertig ist. Ich möchte an dieser Stelle allerdings eine Sache klarstellen: Ich finde nicht reflexhaft alles schlecht, was RTL oder Nico Hofmann machen – ich finde alles schlecht, nachdem ich mir anschaue, was RTL und Nico Hofmann machen. „Deutschland“ habe ich logischerweise noch nicht gesehen; vielleicht handelt es sich dabei um eine außergewöhnlich gute Serie, man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.

Erst Quizshows, jetzt Serien?

Was ich nur nicht verstehe ist diese Angestrengtheit von Fernsehmachern, unbedingt jetzt mal eine Serie produzieren zu wollen, die es „mit den amerikanischen Vorbildern“ aufnehmen kann. Offensichtlich gibt es ja bereits genug Serien, die dem Zuschauer den Glauben an das Gute, Wahre und Schöne im Fernsehen zurückgeben können – und man kommt ja als jemand, der nebenbei auch noch liest oder ins Theater geht oder kocht oder sich gesellschaftlich engagiert, schon jetzt nicht dazu all die amerikanische Spitzenware zu gucken. Ein „deutsches Breaking Bad“ würde es nicht besser machen.

In der aktuellen Ausgabe des „stern“ („Die Kohls privat“) findet man sieben Seiten, auf denen darüber gejubelt wird, dass „sich deutsche Sender endlich in anspruchsvollen Serien versuchen“. Eine gäbe es auch bereits, nämlich „Weissensee“, die „derzeit beste deutsche Fernsehserie“. So eine Aussage sagt nicht viel aus über „Weissensee“, wohl aber einiges über deutsche Fernsehserien im Jahr 2014 – und es war auch schon mal besser: Es gab „Im Angesicht des Verbrechens“, es gab „Kir Royal“, es gab „KDD – Kriminaldauerdienst“ (die alle nicht so sehr bei den Zuschauern punkten konnten, wie manche Kritiker das gerne gehabt hätten). Aber jetzt – das weiß der „stern“ – „werden so viele erstklassige Serien produziert wie nie zuvor“. Als ob das eine gute Nachricht wäre. Denn mal abgesehen davon, ob die Serien wirklich alle so erstklassig werden, wie der „stern“ meint: Das Fernsehen wiederholt gerade einen schlimmen Fehler unter anderen Voraussetzungen. Vor einigen Jahren schien der deutsche Fernsehzuschauer von Quizsendungen aller Art sehr angetan zu sein – darauf produzierten die Sender mehr Quizsendungen, als es vernünftige Fragen gibt. Das hatte zur Folge, dass der Zuschauer von Quizsendungen irgendwann die Schnauze voll hatte; dass Genre hat sich selbst erledigt. Will das Fernsehen das jetzt auch mit den Serien hinkriegen?

Fernsehen braucht Unmittelbarkeit

Angeblich sei der Anstoß für die deutsche Serienwut das Angebot aus den USA – das ja vor allem im Internet stattfindet und schon längst für deutsche Zuschauer abrufbar ist. Das macht auch deshalb Sinn, weil das Schauen einer guten Serie anderen Gesetzen folgt, als sie das Fernsehen bieten kann (man will oft sofort weiterschauen und nicht eine Woche warten). Die Programmmacher haben in der Vergangenheit bereits jedes Sendeschema ausprobiert, dabei haben sie zum Beispiel die Quote von „Im Angesicht des Verbrechens“ komplett zerstört. Vielleicht passen Fernsehserien und das Fernsehen ja überhaupt nicht zusammen.

Und vielleicht sollte das Fernsehen deshalb auch das probieren, was es nur alleine kann: Unmittelbarkeit erzeugen. Fußballspiele sind mitunter sehr langweilig – aber sie passieren jetzt gerade. Deshalb schauen sich Menschen das an. Über manche Show-Events von Stefan Raab kann man sich streiten – aber sie passieren gerade jetzt, während ich zuschaue. Alles ist möglich, alles kann passieren – und ich bin dabei. Das sind Momente, in denen das Fernsehen zu sich selbst kommen kann. Wenn es mehr von diesem Momenten geben würde, dann könnte man jubeln. Und nicht wenn es noch mehr von dem gibt, was eh schon für alle ständig da ist.

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