Sexismus-Debatte : Hört uns zu!

Es geht bei der Diskussion über Sexismus und Belästigung nicht um die Männer, meint Nicole von Horst, Mitinitiatorin der Twitter-Aktion #Aufschrei. Sie sollen sich in Zukunft weniger um ihre Flirtmöglichkeiten sorgen. Sondern lieber zuhören, ohne zu bewerten.

Nicole von Horst
Nicole von Horst ist eine der Initiatorinnen der #Aufschrei-Kampagne.
Nicole von Horst ist eine der Initiatorinnen der #Aufschrei-Kampagne.Foto: privat

Meine Filterbubble war immer etwas Feines. Um mich witzige Frauen, reflektierte Männer. Dann rutschte eine Aktion aus dieser Blase heraus und wurde eine Bewegung. Anfragen von den alten Medien. Ich bezog Position, öffentlich, zum Feminismus. Die Büchse der Pandora. Wir nennen es „eine Debatte zu Sexismus“. Aber was geht da ab? Talkshows, Zeitungsinterviews, Einträge auf alltagssexismus.de, Tweets von Leuten, die extra neue Accounts eröffnet haben, um mich und Anne Wizorek zu beleidigen, die auf Twitter das Stichwort #aufschrei vorschlug, unter dem sich die Tweets zum Thema dann sammelten. Die Debatte ging über mich hinaus, ich kam nicht aus ihr heraus. Ein lehrreicher Wirbel. Mir sind dabei drei wiederkehrende Motive aufgefallen, „Meme“, wie das Netz sagt:

1. Frauen berichten von sexueller Belästigung. Männer sorgen sich, ob das ihre Flirtmöglichkeiten einschränke.

Frau Himmelreich wird vorgeworfen, nur so über Brüderle geschrieben zu haben, um ihn zu stürzen. Ihm wird Mitleid zuteil. Man wird doch wohl noch... Wenn Grenzen überschritten werden, dann ist das eine Gefahr für Männer, ihre Karrieren, ihr Ego. Wie fühlen sich Männer? Welche Folgen hat ihre Verunsicherung?

2. Frauen berichten von Erfahrungen mit strukturellem Sexismus. Männer versuchen das Thema umzudrehen, behaupten, gleichfalls betroffen zu sein.

Stimmt das? Werden Männer wirklich so häufig von Frauen penetrant angebaggert, müssen sie im öffentlichen Raum täglich um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten. Yes, patriarchy hurts men, too. Aber es diskriminiert sie nicht. Objektifiziert sie nicht. Bezahlt ihnen nicht weniger. Macht sie und ihre Erfahrungen nicht unsichtbar.

3. Frauen möchten, dass es nicht mehr um die Befindlichkeiten von Männern geht, Männer sagen, das sei Männerhass und erklären die Debatte für irrelevant.

Einige meiner besten Freunde sind Männer. Ich kann ihnen in Ruhe erklären, was mir stinkt. Aber ich sehe nicht ein, eine Kuschelecke für Typen zu errichten, die die Verantwortung für ihr Desinteresse an Gerechtigkeit auf eine Fernsehperformance schieben.

Fun fact: Unsere Gesellschaft ist so gebaut, dass sie weiße Heteromänner privilegiert. Es ist zur Zeit nicht möglich im Fernsehen über Sexismus zu sprechen, ohne dass er die Gesprächssituation durchzieht, solange Bewusstsein für Sexismus und seine Wirkungsweisen fehlen.

Es geht hier nicht um Männer. Sie können etwas tun: Lesen, ohne einen Vorwurf herauszulesen. Zuhören, ohne zu bewerten. Und auf diese Weise lernen, was es mit Sexismus auf sich hat. Tausende Geschichten warten darauf, gesehen zu werden.

Unter dem Stichwort #Aufschrei haben tausende Frauen Erfahrungen mit Sexismus auf Twitter veröffentlicht. Die Autorin gehört zu denen, die den „Aufschrei“ initiierten, ihn begleitetet haben und in den klassischen Medien darüber sprachen. Zudem launchte sie in der vergangenen Woche die Webseite alltagssexismus.de, auf der ebenfalls Diskriminierungserfahrungen notiert und gesammelt werden.

90 Kommentare

Neuester Kommentar