Urheberrechte im Netz : Illegale Downloads: Kriminalisiert nicht die Schulhöfe!

Es ist falsch, Internetnutzer für das Herunterladen von Filmen zu bestrafen, meint der Rechtsanwalt und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer. Er fordert, Werbung auf illegalen Downloadseiten zu bestrafen.

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Das Netz als Chance. Im Internet lauern nicht nur Raubkopier-Gefahren für den Film. Es eröffnet auch neue Finanzierungswege, etwa per Crowdfunding. Regisseur Timo Vuorensola hat für „Iron Sky“ über 250.000 Euro bei den Fans gesammelt.
Das Netz als Chance. Im Internet lauern nicht nur Raubkopier-Gefahren für den Film. Es eröffnet auch neue Finanzierungswege, etwa...Foto: Splendid Film

Meine Mutter selig, die eine lebenskluge Frau war, sagte: „Nichts ist umsonst, noch nicht mal der Tod, denn er kostet das Leben.“ Und in der Webgemeinde hat sich mittlerweile herumgesprochen, woraus Facebook & Co. ihre Milliardengewinne generieren: Aus Fotos und Daten ihrer Nutzer. Wir können uns also darauf verständigen, dass auch im www nichts umsonst zu haben ist. Auch nicht Filme.

Filme sind teuer. Kaum eine Produktion kostet weniger als eine Million Euro. Grenzen nach oben werden ständig ausgetestet. Die User wollen sie aber gratis gucken. Und da liegt es für Populisten nahe, auf diesen Wunsch einzugehen. Die Piraten überbieten sich im Anbiedern bei Leuten, für die bisher uncool war zu wählen und die es endlich mal am Beispiel Urheberrecht den Etablierten richtig zeigen wollen.

Wer in der Debatte diskret auf die nicht ganz unkomplizierten Voraussetzungen verweist, unter denen Filme entstehen, und ein Return of Invest einfordert, läuft unversehens ins Abseits. Den Freistoß bekommen die User, die bitte schön nicht für die lässliche Sünde eines illegalen Downloads kriminalisiert werden dürfen. Die Fat Cats im Filmbizz mögen sich bloß nicht so haben und die armen Kirchenmäuse der Usergemeinde mit ihren paar Kinox.to-Downloads in Frieden lassen.

Ich bin auf der Seite der Populisten. Kriminalisiert nicht die Schulhöfe! Wer sich noch nie etwas hat zuschulden kommen lassen, werfe den ersten Stein! Ich bin aber dafür, danach zu fragen, wo und wie das Geld fließt, das die kostenlosen Downloads finanziert. Denn nichts ist umsonst. Weder der Tod noch das World Wide Web.

Eine Website wie kino.to, für deren Betrieb das Landgericht Leipzig langjährige Freiheitsstrafen verhängt hat, kostet verdammt viel Geld. Dieses Bizz ist nichts für ein paar zottelige Computernerds, das ist ein Profijob. Der Chefprogrammierer verdiente zuletzt 50 000 Euro im Monat, wie er vor Gericht einräumte. Dazu kommen Ausgaben für Server, Software, für die Leute, die Filme klauen und formatieren etc. Nicht gerechnet Miete, Strom und Putzfrau.

Woher stammen die Mittel für diesen Apparat, wenn die User zum Nulltarif Filme downloaden, streamen und gucken können? Mal abgesehen von den fürstlichen Vergütungen der leitenden Herren, die jetzt im Knast sitzen, wurden 26 Millionen Euro auf den Konten der Firma in Deutschland sichergestellt. Stammt die Kohle vom Lieben Gott, der Geld runtergeschmissen hat?

Wer versucht, einen Film bei der sofort gegründeten Nachfolgewebsite kinox.to herunterzuladen, wird regelrecht zugemüllt von Werbung für billigen Kram und Glücksspiele. Werbung, die kein Mensch braucht. Auch nicht der User. Und diese Werbung finanzierte auch die Gehälter, die Boni und die Bankguthaben von kino.to. Müssen wir die Schulhöfe kriminalisieren? Nein, wir müssen diese Werbung kriminalisieren.

Ich bin sicher, dass der Spuk mit den illegalen Downloads sehr bald vorbei ist, wenn die Marketingchefs der werbenden Firmen neben ein paar schicken Artdirectoren der Trashagenturen auf der Anklagebank sitzen. Oder wenn es ein Gesetz gibt, dass den betrogenen Filmschaffenden und -produzenten das Recht einräumt, bei den Werbetreibenden die Lizenzen für die illegal genutzten Filme beizutreiben. Da wären ein paar Stellschrauben politisch nachzuziehen. Aber nicht am Urheberrecht, sondern am Straf- und Zivilrecht. Das Urheberrecht wirft im sogenannten digitalen Zeitalter ganz andere Probleme auf, deren Lösung die Regierung bisher sträflich vernachlässigt hat.

Lesen Sie hier die Gegenposition: Erleichtert das Downloaden!

Fred Breinersdorfer, geb. 1946, lebt als Rechtsanwalt und Drehbuchautor in Berlin. Er schrieb unter anderem die Bücher für „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, „Sophie Scholl “ und diverse „Tatorte“. Den heftig debattierten Protestbrief von „Tatort“-Autoren gegen eine falsch geführte Urheberrechtsdebatte hat er mitunterzeichnet.

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