Waffen aus dem 3D-Drucker : Damit der Horror Science-Fiction bleibt

Mit einem 3D-Drucker kann jeder theoretisch seine eigene Pistole drucken. Damit das keine Bedrohung für unsere Sicherheit wird, sollten bestimmte Materialien und Techniken kontrolliert sowie Waffenkontrollstandards gestärkt werden, meint unser Gastautor.

Marcel Dickow
Eine Pistole aus dem 3D-Drucker.
Eine Pistole aus dem 3D-Drucker.Foto: dpa

Fans der TV-Serie Star Trek kennen den Replikator, eine Maschine, mit dem jeder beliebige Gegenstand hergestellt werden kann. Mit dem 3D-Drucker ist diese Vision teilweise Wirklichkeit geworden. Das Gerät kann aus digitalen Designvorlagen dreidimensionale Gegenstände reproduzieren, indem es sie, zum Beispiel mit flüssigem Plastik, Schicht für Schicht aufwachsen lässt. Was vor wenigen Jahren noch Hightech für Labore war, kann man heute für 1000 bis 2000 Euro kaufen. Kein Problem, sollte man meinen, wenn sich jeder in Zukunft seine Kaffeetasse selbst herstellen kann. 

Nun verlautet aber aus Sicherheitskreisen, vor allem in den USA, aber auch vom deutschen BKA, dass 3D-Drucker benutzt werden können, um Schusswaffen herzustellen. Tatsächlich gibt es eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation namens "Defence Distributed", die es sich zum Ziel gemacht hat, digitale Designs für funktionsfähige Schusswaffen zu entwerfen, vorhandene zu sammeln und sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mitglieder dieser Gruppe begründen ihr Vorgehen mit der Forderung nach einer Demokratisierung des Waffenbesitzes und dem Aufbrechen des staatlichen Gewaltmonopols.

Was aber ist dran an der Horrorvorstellung, dass sich zukünftig jeder sein eigenes Waffenarsenal herstellen kann, der Waffennarr in den USA genauso wie der afghanische Taliban und der syrische Rebell?

Noch ist die industrielle Fertigung dem 3D-Druck überlegen

3D-Drucker sind zwar inzwischen geeignet, Kunstobjekte ebenso wie bewegliche Teile einer mechanischen Konstruktion zu drucken. Sie können nicht nur Kunststoffe, sondern auch bestimmt Metalle und organische Verbindungen auftragen. Dennoch sind moderne Fertigungstechniken in der Industrie noch um Jahre voraus. Nicht nur, weil sie dauerfeste Materialien wie Stahl und Aluminium verarbeiten, sondern auch, weil sie anders als 3D-Drucker präzise Verbindungen zwischen einzelnen Werkstücken produzieren können. Zudem sind nicht alle Ausgangsstoffe druckbar oder leicht verfügbar. Schließlich hapert es bei den 3D-Druckern an der Genauigkeit. Die gedruckte Pistole ist zwar Realität, aber sie überlebt kaum mehr als einen Schuss. Obendrein fehlt ihr die Munition, deren Treibsatz in der Patrone man ohne die schwer zu beschaffenden Ausgangstoffe kaum selbst drucken kann. 

In diesen Monaten werden zum ersten Mal erschwingliche 3D-Scanner im freien Handel angeboten, also jene Geräte, mit denen existierende Gegenstände digitalisiert werden können, eine Voraussetzung für deren Druck. 3D-Scanner und -drucker sowie die dazugehörige Software werden in Zukunft zunehmend Teil des Alltagslebens werden. Die Maker-Community, die Pioniere des 3D-Druckens, machen derzeit vor, dass sich die Benutzbarkeit der Technologie immer weiter verbessert. In zehn Jahren werden unsere Kinder selbstverständlich im Kunst- und Technikunterricht 3D-Scanner und -drucker verwenden. Zudem lassen sich digitale Designs beliebig kopieren, verbreiten, verarbeiten und verändern. Das Design der ersten druckbaren Schusswaffe namens "Liberator" ist tausendfach heruntergeladen worden und kursiert trotz Intervention des US-Außenministeriums weiterhin im Netz: Der Proliferation der digitalen Vorlagen sind also keine Grenzen gesetzt. Die Verbreitung ihrer realen Abbilder aber ist zum heutigen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich.

In Europa sind es gesellschaftliche Normen und strenge Vorschriften, die Bürger davon abhalten, Kleinwaffen zu drucken - auch wenn dies prinzipiell möglich wäre. Das Gewaltmonopol des Staates und gewaltfreie Konfliktlösungen sind hier allgemein akzeptierte Werte. In den Vereinigten Staaten wiederum hat jeder Bürger ein verbrieftes Recht auf den Besitz einer Handfeuerwaffe. Das Drucken einer Pistole ist angesichts dessen, dass man im nächsten Laden problemlos eine qualitativ höherwertige Waffe samt Munition auch ohne Waffenschein legal erwerben kann, eine Spielerei. Anders sieht die Lage in Gesellschaften wie Somalia, Jemen oder Afghanistan aus, die durch interne und externe Konflikte weitgehend militarisiert sind. Dort ist der Waffenbesitz längst Statussymbol geworden. So könnten Anreize entstehen, das Herstellungsmonopol der Waffenindustrie durch Eigenbau zu brechen und internationale Regeln zur Weiterverbreitung wie Kennzeichnungspflichten oder Exportkontrollen zu unterlaufen. Noch ist dort aber die Beschaffung von Waffen und Munition über den Schwarzmarkt einfacher und billiger.

Statt die Technik zu beschränken, sollten Materialien kontrolliert werden

Allerdings wird der technologische Fortschritt beim 3D-Druck in den nächsten Jahrzehnten die Herstellung von Kleinwaffen in ausreichender Qualität und Dauerfestigkeit ermöglichen. Dies könnte die Lage verändern.

Um eine Verbreitung druckbarer Waffen zu verhindern, sollte nicht die Technologie des 3D-Druckens beschränkt werden. Stattdessen müssen Materialien für dauerfeste Bauteile und die dafür nötigen speziellen Druckverfahren kontrolliert werden. Vor allem aber kommt es darauf an, wie Gesellschaften den Umgang mit Waffen allgemein bewerten. Hier sollte Europa versuchen, seine Normen, nach denen Waffenbesitz weder ein Freiheitsrecht darstellt noch zur Konfliktlösung beiträgt, auch international zu stärken, zum Beispiel über Waffenabkommen oder Exportrichtlinien.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stellen das Fehlen von zertifizierten Konstruktionsdesigns und Prüfverfahren für Produkte aus dem 3D-Drucker eine viel größere Gefahr dar als die Verbreitung selbst gedruckter Schusswaffen. Ohne eine Art TÜV und Siegel für Alltagstechnologien aus dem heimischen Drucker werden Unfälle, verursacht durch Materialermüdung, unsachgemäße Verwendung und fehlerhafte Produktion, an der Tagesordnung sein.

Marcel Dickow forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) u.a. zu Technologien für Sicherheit und Verteidigung. Die Stiftung berät Bundestag und Bundesregierung in allen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Der Artikel erscheint auf der SWP-Homepage in der Rubrik Kurz gesagt.

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