Warum Kalle "Fack ju Göhte" nicht sehen will : In der Originalitätsfalle

Nein, "Fack ju Göhte" hat Matthias Kalle noch nicht gesehen. Er würde ihn wahrscheinlich sowieso nicht toll finden - einfach nur, weil ihn alle toll finden.

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Unser Kolumnist Matthias Kalle.
Unser Kolumnist Matthias Kalle.Foto: Privat

Ich bin ja nun offensichtlich einer der ganz wenigen Menschen in Deutschland, die den Film „Fack ju Göhte“ noch nicht gesehen haben. Jedenfalls gehen die Menschen, die den Film bereits gesehen haben, so mit mir um: „Wie?“, fragen sie. „Da warst Du noch nicht drin? Voll gut ist der aber!“ Mit ist das dann immer ganz unangenehm, ich versuche mich dann damit herauszureden, dass es mir meine Religion verbieten würde, Filme zu schauen, in dem der Schauspieler Matthias Schweighöfer mitspielt.

Natürlich spielt Matthias Schweighöfer in dem Film nicht, aber das bekommen die meisten vor Lachen anscheinend gar nicht mit. Mittlerweile sind es über vier Millionen, die den Film gesehen haben, noch zähle ich also in Deutschland zu der Mehrheit. Noch. Aber ganz egal, wie viele Menschen noch da rein gehen – natürlich ist „Fack Ju Göthe“ der erfolgreichste deutsche Film des Jahres.

Darüber hinaus entwickelt er sich aber gerade auch zu einem Phänomen, das in den deutschen Feuilletons verhandelt wird – mein Kollege Moritz von Uslar schreibt in der aktuellen „Zeit“ eine Sprachkritik zu dem Film und ist dabei voll des Lobes. Ich kenne ernstzunehmende Redakteure, die schmeißen sich vor Lachen weg, wenn sie sich im Internet nur den Trailer des Filmes anschauen (und einige von ihnen machen das pro Stunde einmal).

Ich habe zu dem Film keine Meinung. Ich weiß ja nicht einmal, ob er mir gefallen würde oder nicht. Ich vermute, dass ich jetzt aus so einer Anti-alles-für-immer Haltung den Film gar nicht mehr gut finden könnte, selbst wenn er mir gefallen würde (so geht es mir leider auch mit Filmen von Quentin Tarantino).

Das ist wahrscheinlich so eine Art Originalitätsdruck – der Wunsch, noch origineller zu sein, als die anderen, das gut zu finden, was alle schlecht finden und das schlecht zu finden, was alle gut finden – in einer Woche erkläre ich zum Beispiel auf der Medienseite des „Tagesspiegel“, warum Markus Lanz nicht Schuld am derzeitigen Zustand von „Wetten, dass...?“ ist; abgesehen davon, dass ich das wirklich glaube, finde ich das kollektive Draufhauen auf Lanz auch schlichtweg viel zu langweilig.

Originalitätsdruck ist natürlich eine antizyklische Geschichte – damit wird die ganze Sache auch wieder berechenbar und also nicht sonderlich originell. In dem Moment, wo sich alle einig sind, dass der Geigenspieler David Garrett ganz schön nervt, muss zwangsläufig einer kommen und behaupten, dass der eben überhaupt nicht nervt, tatsächlich ein Virtuose ist und die ganze Gegen-Garrett-Bewegung ja doch nur von Neid und Missgunst angetrieben wird.

Das peinliche Saisonfinale auf Mallorca
Es sollte der krönende "Wetten, dass..?"-Saisonabschluss werden. Doch nicht nur zwischen Cindy aus Marzahn und Markus Lanz stimmte an diesem Abend die Chemie nicht.Alle Bilder anzeigen
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09.06.2013 10:42Es sollte der krönende "Wetten, dass..?"-Saisonabschluss werden. Doch nicht nur zwischen Cindy aus Marzahn und Markus Lanz stimmte...

Es wird auch nur eine Frage der Zeit sein, bis irgendein schlaubi-schlau Querdenker schreiben wird, dass Nelson Mandela ja leider auch sehr überschätzt wird (und sei es, dass er diese These nur aus reiner Genervtheit aufstellt, nachdem er Boris Becker bei Twitter gelesen hat, der feststellte: „the world is crying“).

Das ist so eine Art Meinungsteufelskreis aus dem man ganz schlecht wieder rauskommt – im Gegenteil: Der Kreis sorgt dafür, dass Meinungen sich erhärten, ein Dialog findet nicht mehr statt. Nehmen wir zum Beispiel die Meinungen zu dem Interview, das Marietta Slomka mit Sigmar Gabriel vor über einer Woche im „heute journal“ geführt hat. Es gab danach die, die auf Slomkas Seite waren – und es gab die, die auf Gabriels Seite waren.

Auf einer dieser beiden Seiten musste man ja schließlich sein. Je schärfer die eine Seite argumentierte, desto schärfer antwortete die andere. Die Debatten waren teilweise heftiger als während des gesamten Wahlkampfes.

Aber kann es nicht auch sein, dass beide, Slomka wie Gabriel, ihre jeweiligen Jobs schlicht und einfach sehr gut gemacht haben? Und dass dadurch, durch diese Professionalität, sieben Minuten gutes Fernsehen entstanden sind?

Ich will keine Meinung zu „Fack Ju Göthe“ haben. Und das ist wahrscheinlich das originellste, was man zu diesem Thema beisteuern kann.

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