Annette Schavan : Das ist doch alles lange her

21.10.2012 00:00 Uhrvon
Annette Schavan kämpft um ihre Doktorwürde. Foto: dpa
Annette Schavan kämpft um ihre Doktorwürde. - Foto: dpa

Bill Clinton hat gekifft, Günter Grass war in der Waffen-SS und Annette Schavan hat eine Doktorarbeit geschrieben. Was ist eine Jugendsünde - und was nicht?

Annette Schavan war 25 Jahre alt, als sie ihre Dissertation abschloss. Das war 1980. Seitdem hat sie eine Vielzahl öffentlicher Ämter und Mandate wahrgenommen. Sie war Vorsitzende der Jungen Union, leitete das katholische Cusanus-Werk und war ein Jahrzehnt lang Bildungsministerin in Baden-Württemberg. Seit sieben Jahren hat sie dieses Amt im Bund inne, ebenso lang ist sie Bundestagsabgeordnete. Man mag von ihrer Politik halten, was man will – behaupten, diese Frau habe sich nicht engagiert, kann man nicht. Nun fordern manche ihren Rücktritt.

Andere – Parteifreunde, Wissenschaftler, Kommentatoren – halten dagegen, man müsse ihr ihre (wie auch immer zu bewertenden) Fehler als „Jugendsünden“ nachsehen.

Sie sprechen damit ein moralisches Bauchgefühl an, das sich grummelnd meldet, wenn in verstaubten Sündenarchiven gewühlt wird, wenn jemandem Fehltritte vorgehalten werden, die Jahrzehnte zurückliegen. Rein psychologisch betrachtet, drückt sich darin ein verschwommenes Bewusstsein für die vielen eigenen kleinen und größeren Verfehlungen aus. All die Dinge, die mit jedem Tag, der vergeht, etwas weniger gut im wohligen Halbdunkel der Vergangenheit zu erkennen sind. Den meisten dürfte es schaudern bei dem Gedanken, jemand könne dieses Zwielicht so gnadenlos ausleuchten, wie es im Fall Schavan geschieht. Wir wissen: Jeder ist fehlbar. Das ist noch ein recht egoistischer Grund für Nachsicht. Doch wie oft bei moralischen Bauchgefühlen lassen sich für dieses Urteil auch gute Kopfgründe finden.

Der Rigorismus, den manche hier am Werk sehen, steht im Widerspruch zu unserer Vorstellung vom frei handelnden Menschen. Der Mensch, so möchten wir es, wird nicht auf die Schiene des Lebens gesetzt und dampft darauf voran, gesteuert aus einer fernen Leitstelle für moralische Determination. Einmal gemachte Fehler bestimmen seinen Weg nicht, im Gegenteil. Wir halten uns für wandelbar.

Wir können runter von der Schiene und es anders, sogar besser machen. Wir können frühere Versionen unserer selbst kritisch sehen, uns regelrecht von ihnen abkoppeln, bis hin zu der Frage: Wie konnte mir das überhaupt passieren? Dieser Gedanke liegt auch der Idee der Wiedergutmachung zugrunde. Ein überdurchschnittliches Maß an guten Taten kann vergangene Fehler wettmachen, so die Idee. In unsere Biografien ist sozusagen eine Art Rechtfertigungsmechanismus eingebaut.

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