Antifa-Debatte : Abrüsten, um zu gewinnen

"Chaoten oder Heilsbringer? Danke, liebe Antifa!" - So war ein Beitrag im Tagesspiegel Ende Januar überschrieben. Seitdem tobt eine Debatte über Gewalt, Autonome und Antifaschismus. Unser Autor erklärt die Geschichte der Antifa - und was sie an sich ändern muss.

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Es klingt aggressiv und ist auch so gemeint. Eine der am häufigsten skandierten und gesprühten Parolen lautet "Antifa heißt Angriff!"
Es klingt aggressiv und ist auch so gemeint. Eine der am häufigsten skandierten und gesprühten Parolen lautet "Antifa heißt...Foto: pa/dpa

Der Hass entlarvt die Biedermänner als Extremisten. Auf ultrarechten Websites wird der Tagesspiegel-Kollege Sebastian Leber massiv, zum Teil auch obszön diffamiert, weil er sich positiv über die Antifa geäußert hat.

Mit dem "Shitstorm" demonstrieren die Kommentatoren, viele aus dem islamfeindlichen Spektrum, einen Hang zu verbaler Gewalt, der auch physische Handgreiflichkeiten befürchten lässt, sollte die Gelegenheit mal günstig sein. Das würde ein Thilo Sarrazin natürlich nie befürworten. Aber offenbar fühlt auch er sich von Lebers Text so stark provoziert, dass er die Frage aufwarf, ob die Redaktion des Tagesspiegels "von allen guten Geistern verlassen" sei. Ausgerechnet Sarrazin, der sich angesichts seiner kruden Thesen zu Migranten und Homosexuellen selbst einmal fragen sollte, wie viele gute Geister ihm noch geblieben sind.

Thilo Sarrazin
Thilo Sarrazin wundert sich über den Beitrag unseres Autors Sebastian Leber "Danke liebe Antifa" und meldet sich per Leserbrief zu...Foto: dpa

Das Thema Antifa polarisiert. Eine differenzierte Betrachtung wird nur selten versucht. Das mag auch daran liegen, dass viele, die sich jetzt ereifern, die Antifa kaum oder gar nicht kennen. Der Horizont mancher Kritiker beschränkt sich auf Fernsehbilder von Krawallen linker Gegendemonstranten bei rechtsextremen Aufmärschen. Dann weiß man schon, was von der Antifa zu halten ist. Dass es sich um eine heterogene Bewegung handeln könnte, wird gar nicht erst erwogen.

Verdienste, Versagen und Verbrechen

Was genau ist denn überhaupt "Antifa"? Bei einem genaueren Blick sind Verdienste, Versagen und Verbrechen zu erkennen. Von Beginn an.
Die heutige Antifa, vermutlich ein paar tausend meist junge Linke, mehr oder minder radikal, ist die Erbin des klassischen Antifaschismus der geballten Faust. Man könnte auch von einer Langzeitkampagne sprechen, über alle Umbrüche hinweg, offenbar mit Anspruch auf Ewigkeit. Initialzündung war in den 1920er Jahren die Reaktion auf das Erstarken rechtsextremistischer Parteien. Und das Spektrum war bunt. Als Antifaschisten begriffen sich Kommunisten, Anarchisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und sonstige Linke, die sich dem Aufstieg der Faschisten in Italien und anderen Ländern sowie der Nazis in Deutschland und Österreich widersetzten - bis hin zum Kampf mit der Waffe. Und der war damals legitim.

Es waren Antifaschisten aus mehreren Ländern, die 1936 in Madrid den Vormarsch der Franco-Truppen stoppten. Die Einsätze der Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg sind für viele Linke auch heute noch ein heroisches Kapitel des Antifaschismus. Wenngleich gerade hier seine Ambivalenz unübersehbar ist. Zahlreiche Kämpfer aus den Brigaden fielen internen Säuberungen zum Opfer. Der Terror stalinistischer Kommunisten traf auch Antifaschisten, die ihr Leben im Widerstand gegen den Faschismus riskiert hatten. Doch der blutige Sieg des sowjet-autoritären Antifaschismus über die linke Konkurrenz hatte einen hohen Preis - er beschleunigte den Untergang der spanischen Republik im Krieg gegen Franco und die von Hitler und Mussolini geschickten Hilfstruppen.

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