Antisemitismusvorwurf : Ein jüdischer Folklorist

Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, wirft deutschen Medien Antisemitismus vor - auch dem Tagesspiegel. Der Ton gegenüber Juden werde härter, meint Kramer. Hat er Recht?

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Chaim Cohen will Radiomoderator werden. Er bewirbt sich beim RBB. Seine Bewerbung wird angenommen, und er darf zum Vorsprechen und zu einer Mikrofonprobe erscheinen. Als er wieder nach Hause kommt, fragt ihn seine Mutter: "Na? Hat's geklappt?" Chaim schüttelt betrübt den Kopf. "Und warum nicht?" - "A-a-al-les An-n-ti-s-s-s-emi-t-ten", stottert er.

Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat dem Magazin "Focus" ein Interview gegeben. Darin beklagt er sich über Antisemitismus in deutschen Medien. Als Beispiele zählt er eine Menge Titel auf: Junge Welt, Neues Deutschland, tageszeitung, Junge Freiheit, Nationalzeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Tagesspiegel. Der Ton gegenüber Juden werde härter, meint Kramer. "Die vermeintlich guten alten Zeiten, in denen man als jüdischer Vertreter in Debatten vor Angriffen per Definition geschützt war, sind vorbei."

Was soll man dazu sagen? Man könnte, erstens, zur Tagesordnung übergehen. Gar nicht ignorieren, heißt es in Wien. Lucky Luke zieht meist schneller als sein Schatten, Stephan Kramer redet meist schneller als er denkt. Man könnte, zweitens, Verständnis zeigen und sich über die rhetorischen Rituale von Generalsekretären mokieren. Das Schaumschlagen und Windmachen gehört nun mal zu deren Beruf. In gewisser Weise ist Stephan Kramer ja der Christian Lindner der deutschen Juden, wie Christian Lindner der Stephan Kramer der FDP ist.

Man könnte, drittens, die Psycho-Platte auflegen. Schon Alain Finkielkraut ("Der eingebildete Jude") hat viele Mechanismen beschrieben, die auch hier womöglich ihre Wirkung entfalten (",Der Jude' war meine beste Nummer, das Originellste, was ich zu bieten hatte." - "Mein Judentum war für mich ein Hauch von Leiden und Tragödie als würzende Zutat in der Banalität meines Alltagsdaseins.") Nicht ungewöhnlich ist ebenso die Überkompensation eines schlechten Gewissens, als Diaspora-Jude nicht beim Aufbau des zionistischen Gemeinwesens zu helfen, sondern am Kampf gegen die Intifada, dem Libanon- und Gazakrieg mit der Fernbedienung in der Hand aus sicherer Distanz teilzunehmen, zwischen Heidi Klum und Dieter Bohlen. Die Rolle des hyperventilierenden Antisemitenentlarvers folgt gelegentlich aus einer solchen Überkompensation.

Oder man könnte, viertens, Herrn Kramer darauf aufmerksam machen, dass die deutschen Medien zu den israelfreundlichsten der ganzen Welt zählen. Wer Thesen über das "Shoah-Business", die "Holocaust-Industrie" oder die Instrumentalisierung des Gedenkens diskutieren, sich über angebliche Kriegsverbrechen von Israelis im Gazastreifen informieren oder authentische Hamas-Positionen präsentiert haben will, muss Ha'aretz und New York Times lesen und BBC empfangen können. In Deutschland dagegen gilt die Regel: Je nichtiger die Anlässe, desto heftiger der Furor. Und wenn man dann schließlich verhindert hat, dass ein Hamas-Vertreter in der Evangelischen Akademie von Bad Boll vor 30 Studienräten sprechen darf, wird das wie der Sieg von David gegen Goliath gefeiert. Dabei dürfte das Risiko, dass sich einer der Studienräte vor Begeisterung über die Hamas-Nase dem Dschihad anschließt und in ein Terrorcamp in den Nahen Osten reist, recht gering gewesen sein.

Das alles also ließe sich zu dem Kramer-Interview sagen. Ganz zuletzt indes drängt sich eine andere Frage auf: Was ist bloß aus der guten alten Antisemitismuskeule geworden? Einst war sie härter als jeder Dickschädel, auf den sie traf, heute wirkt sie schlapp und schlaff, abgenutzt durch inflationären Gebrauch. Denn was für fast alle stimmt, stimmt für fast keinen mehr.

Deshalb wird der Antisemitismusvorwurf oft nur noch als Teil der jüdischen Folklore wahrgenommen, ein bisschen wie Klezmer-Musik. Der Papst warnt vor Kondom und Pille, die FDP vor "anstrengungslosem Wohlstand", ein Marxist vor dem Privatbesitz an Produktionsmitteln, und die Juden warnen halt vor dem stets zunehmenden Antisemitismus. Ohne viel Gefühl für Relevanz und Proportionen ziehen sie in symbolische Schlachten, auto-immunisiert gegen die Realität. Frei nach Asterix lautet das Resümee: Die spinnen, die Juden, jedenfalls einige, jedenfalls manchmal.

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