Arabische Welt : Sexuelle Freiheit und Islam sind nicht grundsätzlich unvereinbar

Fünf Jahre lang hat die Immunologin und Journalistin Shereen El Feki Menschen in der arabischen Welt zu ihrer Sexualität befragt. Sie zeigt: Im Privatleben spiegelt sich das Ringen zwischen alten Restriktionen und Aufbruch.

Shereen El Feki
Zwischen Tradition und Moderne: Eine Frau betrachtet in der saudi-arabischen Hauptstadt Rijad ein Schaufenster mit Brautmoden
Zwischen Tradition und Moderne: Eine Frau betrachtet in der saudi-arabischen Hauptstadt Rijad ein Schaufenster mit BrautmodenFoto: AFP

Sechs dunkle Augenpaare starrten mich an. Vielmehr nicht mich, sondern einen kurzen lilafarbenen Stab in meiner Hand. „Das ist ein Vibrator“, antwortete ich auf Englisch und zermarterte mir das Hirn nach dem richtigen arabischen Wort. „Ein Ding, das sich sehr schnell dreht“, fiel mir ein. Da diese Beschreibung aber auch auf einen Handmixer zutrifft, beschloss ich, bei meiner Muttersprache zu bleiben, um der zunehmenden Verwirrung, die ich in dem Raum spüren konnte, entgegenzutreten. Eine der Frauen, die es sich auf einem Divan neben mir gemütlich machte, begann ihren Hijab abzustecken, worauf das schwarze Haar wie in einer Kaskade ihren Rücken herabfiel, während sie das Kopftuch sorgfältig zur Seite legte. „Was tut dieses Ding?“, fragte sie. „Nun, es vibriert“, antwortete ich. Ich nippte an meinem Minztee und biss in ein Stück siruptriefendes Baklava, um mir vor der unvermeidlichen Nachfrage eine kurze Atempause zu verschaffen. „Aber wozu?“

Shereen El Feki ist Immunologin und Journalistin. Ihr Buch "Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt" erscheint am 25. Februar bei Hanser Berlin (24,90 Euro, in der Übersetzung von Thorsten Schmidt).
Shereen El Feki ist Immunologin und Journalistin. Ihr Buch "Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen...Foto: Kristof Arasim

Wie es dazu kam, dass ich bei einem morgendlichen Kaffeeklatsch von Hausfrauen in Kairo Sextoys vorführte, ist eine lange Geschichte. In den letzten fünf Jahren habe ich viele Länder der arabischen Welt bereist und Menschen Fragen rund um das Thema Sex gestellt: Was sie selbst tun, was sie nicht tun, was sie über Sexualität denken und warum. Je nach Sichtweise mag sich dies nach einem Traumjob oder aber nach einer recht anrüchigen Beschäftigung anhören. Für mich ist es etwas völlig anderes: Sex ist die Linse, durch die ich die Vergangenheit und Gegenwart eines Teils der Welt betrachte und analysiere, über den so viel geschrieben und der zugleich noch immer so wenig verstanden wird.

Der Erfolg des Tahrir-Platzes war nicht bloß seine großartige politische Bewegung, sondern die vielen kleinen persönlichen Schlachten, die gegen die Verwerfungen geschlagen und gewonnen wurden, die die ägyptische Gesellschaft zermürbten: zwischen Religionen, Schichten, Geschlechtern und Generationen. In den kommenden Jahren wird der Erfolg der Erhebung in Ägypten weitgehend danach beurteilt werden, wie diese Millionen von Mini-Siegen aus dem Treibhaus des Tahrir-Platzes in die kalten Realitäten des Alltagslebens übertragen werden. (...) Um ermessen zu können, ob es womöglich zu einer Blütezeit kommen wird, müssen wir den Boden kennen, in dem diese Errungenschaften Wurzeln treiben. Und einer der steinigsten Orte ist dabei das Sexualleben.

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