Arktis : Kernschmelze

Das Ewige Eis ist vergänglich geworden. Nun steht der Arktis ein Rohstoff-Rausch bevor. Höchste Zeit also für einige Regeln.

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Foto: dapd

Vier Millionen Quadratkilometer sind eine unvorstellbar große Fläche. Auch der Vergleich mit Deutschland – es würde elfmal hineinpassen – hilft nicht weiter. Aus Sicht der Klimaforscher sind vier Millionen Quadratkilometer jedoch erschreckend wenig, wenn es sich um die Eisbedeckung des Arktischen Ozeans handelt. Auf diese kleine Fläche ist das Eis rings um den Nordpol in diesem Sommer geschrumpft. Das zeigen aktuelle Satellitendaten. Das ist die geringste Eisbedeckung seit 1979, als die Messungen begannen. Wahrscheinlich gilt der Negativrekord aber für viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte.

Was diese Zahlen praktisch bedeuten, zeigt ein Foto, das Wissenschaftler vor wenigen Tagen von der Brücke des US-Forschungseisbrechers „Healy“ gemacht haben: Vor dem mächtigen Schiff dümpeln ein paar Eisschollen auf dem offenen Meer. In einer Gegend, die normalerweise von einer dichten Eisschicht bedeckt ist. Die Erderwärmung ist hier mit dem Auge zu verfolgen, die Folgen zu erahnen.

Eine kaum beachtete Weltgegend, die sich in der Vergangenheit häufig im eisigen Griff der Natur befand, wird immer besser zugänglich. Bisher gilt das zwar nur für kurze Zeit im Sommer, doch sehr vieles deutet darauf hin, dass die Eisdecke in den kommenden Jahren für längere Zeit und noch gravierender zurückweichen wird als jetzt. Damit wird der Weg frei für Schiffe, Bohrinseln und Pipelines.

Im hohen Norden werden neben mineralischen Rohstoffen vor allem beträchtliche Mengen an Öl und Gas vermutet, einige Vorkommen werden schon heute ausgebeutet. Je höher die Preise für die Schmierstoffe der Industriegesellschaften werden, umso verlockender ist es, weitere Felder zu erschließen.

Doch die Förderung von Öl und Gas ist riskant. So ruhig, wie der Blick von der „Healy“ vermuten lässt, ist der Arktische Ozean selten. Übers Jahr gesehen gibt es immer wieder Stürme, heftigen Frost, Treibeis. All das kann zu Havarien auf Bohrinseln oder von Tankern führen. Sollte die Katastrophe eintreten, wird es ungleich schwerer sein, dort zu helfen als beispielsweise im Golf von Mexiko oder in der Nordsee.

Trotzdem werden die Bohrer in den Untergrund getrieben werden – solange wir nach diesen Rohstoffen verlangen. So wie es den meisten auch heute egal ist, ob der Sprit für ihr Auto aus der brasilianischen Offshore-Förderung stammt oder ihr Heizgas der glückliche Rest ist, der nicht aus einer maroden sibirischen Pipeline entwich, so wird auch künftig kaum einer fragen, ob er gerade Öl aus der Arktis in den Tank laufen lässt. Darum sollten Fördergenehmigungen an strenge Bedingungen geknüpft werden, bevor es zu spät ist. Noch haben wir die Chance dazu.

Gleiches gilt für die Schifffahrt, der die eisfreien nördlichen Gewässer beträchtliche Abkürzungen ermöglichen. Kürzere Routen, weniger Treibstoffverbrauch – das ist ein Gewinn. Nur muss man dafür Sorge tragen, dass die Mannschaften und Maschinen in guter Verfassung sind, damit die Rechnung langfristig aufgeht.

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