Meinung : Berlin kann es besser

„Tegel funktioniert“ vom 11. August

Der Leitartikel von Moritz Döbler hat die katastrophalen Fehlentscheidungen der Politik um den Großflughafen Berlin-Brandenburg endlich einmal klar beim Namen genannt. Monatelang werden die Risiken der Eröffnung „nicht erkannt oder fahrlässig kleingeredet“. Beide Möglichkeiten haben eine Katastrophe herbeigeführt, die schleunigst sowohl „erkannt“ als in ihrer „Fahrlässigkeit“ benannt werden muss. Bereits jetzt türmt sich eine Kostenlawine von über 4,5 Milliarden Euro, deren Ende niemand präzise vorhersehen kann. „Bauruine“ oder ein „Glanzstück moderner Infrastruktur“, welches „in 218 Tagen seinen Betrieb reibungslos aufnimmt“, das scheint hier die Alternative zu sein, die der Leitartikel schonungslos darstellt. Diese beiden Alternativen sind zwar aufrüttelnd geschrieben, entsprechen aber nicht den Zukunftsmöglichkeiten, die noch übrig geblieben sind. Die „Bauruine“ kann im Endergebnis nicht bestehen bleiben, weil die Hauptstadt Deutschlands sich ein solches Denkmal mit einer unendlichen Kostensumme nicht leisten kann. Wir können uns nicht leisten, aus der Verantwortung vor den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft wegzulaufen. Insbesondere wenn es sich um die Grundlagen und konkreten künftigen Existenzbedingungen im 21. Jahrhundert handelt, die hier, ob wir es wollen oder nicht, in jedem Fall bewältigt werden müssen. Die andere Alternative (pünktliche Eröffnung mit reibungslosem Betriebsbeginn) klappt nicht, weil die Politik in einem Anflug von Größenwahn und Inkompetenz die Funktion als „Generalunternehmer“ nicht über Nacht zu einem Wunderwunderwerk funktionierenden Managements mit einer entsprechenden Lösungskompetenz mutieren kann.

Aber – was tun? Sollten wir diese Zwangspause nicht nutzen, um noch einmal grundlegende Überlegungen anzustellen und zu wirklich schlüssigen Lösungen zurückfinden? Die Beantwortung folgender Fragen steht an:

1) Ist es überhaupt richtig, einen einzigen Flughafen in Berlin zu haben? Warum haben große Hauptstädte der Welt alle einen zweiten oder dritten Flughafen gebaut?

2) Ist es nicht unglaublich leichtfertig und entgegen allen notwendigen Sicherheitsüberlegungen, im Zeitalter des Terrorismus auf jegliche Alternativen zu einem Großflughafen zu verzichten? Müssen in der Hauptstadt Deutschlands nicht in jedem Fall zwei Ausweichflughäfen – oder wenigsten ein Ausweichflughafen – vorhanden sein, die betriebsbereit gehalten werden müssen, somit sie in kurzer Zeit auf volle Kapazität hochgefahren werden können?

3) Was hätte man eigentlich gemacht, wenn der Flughafen Tegel nach Plan geschlossen und seine Dienstleistungsfähigkeit bereits eingebüßt hätte? Wenn man dann später festgestellt hätte, dass es einen ordnungsgemäßen und sicheren Flugbetrieb im Hauptflughafen Berlin-Brandenburg nicht gibt und die Alternative Tegel nicht mehr vorhanden ist? Der finanzielle Schaden, inklusive die Schadensersatzforderungen, würden in unübersehbare Höhe heraufgeschnellt sein und die Dienstleistung einer der wichtigsten Infrastrukturinstitutionen gegenüber dem Normalbürger hätte kläglich versagt. Muss erst eine solche Situation eintreten, ehe wir simple Vorkehrungen dagegen treffen?

4) Warum können die anderen Hauptstädte der Welt zwei oder sogar drei Flughäfen betreiben und wenn das von Anfang an nicht möglich war, wurden schnellstens entsprechende Maßnahmen getroffen. Wieso entsteht dort nicht das vielberufene Finanzdesaster, wenn es mehr als einen Flughafen gibt?

5) Wie hoch wären die zusätzlichen Kosten für den Flughafen Berlin-Brandenburg, wenn die Einnahmen der für Tegel notwendigen Grundlast vom Flughafen Berlin-Brandenburg abgezogen werden kann? Wie viel Wachstum wäre in welcher Zeit notwendig, um für beide Flughäfen aus der Verlustzone herauszukommen?

6)Wie sähe eine optimierte Verteilung der An- und Abflüge auf den Flughäfen Berlin-Brandenburg und Tegel aus, um den Transfer zwischen beiden Flughäfen möglichst niedrig, kostengünstig und unkompliziert zu halten?

Gab es je solche genauen durchgerechneten Optionen und Berechnungen? Wo fanden die Beratungen über jeweilige Optionen statt? Wo sind die Ergebnisse der Vergleiche festgehalten und wo fanden die professionellen Analysen statt? Ich habe jedenfalls nichts gehört, weder in den eingeweihten Zirkeln noch in der Öffentlichkeit noch in Debatten oder Berichten der Parlamente in Berlin oder in Brandenburg. Ich fürchte, da gab es nur ein „politisches“ Tauziehen, das nun zu einem desaströsen Ergebnis des „Generalunternehmers“, d. h. also der politisch Verantwortlichen geführt hat.

Deswegen: Schluss mit dem Kaffeesatzlesen über das nächste Datum der Eröffnung des Flugbetriebs in Berlin-Schönefeld und der dann zu erfolgenden Schließung in Tegel! Nutzen wir die eingetretene Blamage zu einem echten professionellen Neubeginn! Das wäre das beste Ergebnis für alle Beteiligten, besonders ein Dienst an den schon heute genügend gestressten Berliner Fluggästen.

Prof. Dr. Christian Schwarz-Schilling, Bundesminister a. D., Berlin, Büdingen

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