Brasilien : Die WM der Oberschicht

Wenige Tage vor dem Start der Fußball-Weltmeisterschaft ist von Begeisterung im Land der Gastgeber wenig zu spüren. Ein Scheitern des Großereignisses könnte Präsidentin Dilma Rousseff gefährlich werden.

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Bildung statt Weltmeisterschaft. Protest in Brasiliens Hauptstadt Brasilia.
Bildung statt Weltmeisterschaft. Protest in Brasiliens Hauptstadt Brasilia.Foto: dpa

Was heißt eigentlich Sommermärchen auf Portugiesisch? Eine semantische Annäherung könnte sonho de verão sein oder conto de verão, doch das eine ist eher ein Sommertraum und das andere eine Sommererzählung. Außerdem ist in Brasilien gerade Winter, doch das ist noch das geringste Problem vor der Fußball-Weltmeisterschaft, die am Donnerstag beginnt.

Deutschland ist seit seinem Sommermärchen, der WM 2006, ein anderes Land, in der eigenen, aber auch in der Wahrnehmung der anderen. Brasilien hat schon vor dem Anpfiff dramatische Veränderungen erfahren. Wenn denn die vielen Skandale rund um die Organisation des größten Sportereignisses der Welt für etwas gut waren, dann für die Emanzipierung der Bevölkerung von der herrschenden Klasse. Dass in Brasilien die Korruption regiert und zu wenig in Bildung und Gesundheit investiert wird, war lange bekannt. Aber erst die Fußball-WM mit ihren gigantischen Investitionen in völlig überdimensionierte Prestigeprojekte hat die Wut erzeugt und damit die Kraft, gegen dieses System aufzubegehren.

Die WM 2006 war ein Gemeinschaftsprojekt

Auch in Deutschland ist viel öffentliches Geld ausgegeben worden. Aber es hat davon nicht nur eine kleine Oberschicht profitiert, und anders als jetzt in Brasilien ist damals auch über Fußballstadien hinaus in Infrastruktur investiert worden. Die Deutschen sahen die WM in ihrer überwiegenden Mehrheit positiv und fassten sie als Gemeinschaftsprojekt auf. 2006 war ihre Weltmeisterschaft.

Wird 2014 eine brasilianische WM? Ein Fest des Volkes? Wer in diesen Tagen durch São Paulo und Rio de Janeiro spaziert, spürt wenig Begeisterung, ja sogar kaum Interesse. Der brasilianische Alltag wird bestimmt von Kriminalität und Streiks und Demonstrationen. Sie richten sich nur vordergründig gegen die WM und die in der Tat mehr als fragwürdigen Auflagen der Fifa. Die Brasilianer widert es an, dass Regierung und Wirtschaftsoligarchie nicht in der Lage sind, irgendetwas im Sinne der Bevölkerung zu organisieren: keinen Nahverkehr, kein Gesundheits- und Bildungssystem, kein Mehr an Sicherheit. Und auch keine Weltmeisterschaft. Auch deshalb liest und hört man überall die vier magischen Wörter: Não vai ter copa! Es wird keine WM geben.

Im Oktober wird in Brasilien gewählt. Die jetzige Präsidentin Dilma Rousseff ist eine Frau mit ehrenwerter Vergangenheit als Widerstandskämpferin, aber sie hat in ihrer ersten Amtszeit wenig auf den Weg gebracht zur Beseitigung der brasilianischen Übel. Die Präsidentin stellt sich zur Wiederwahl, und weil es zu ihr keine ernsthafte Alternative gibt, könnte ihr wohl allein eine gründlich missratene WM gefährlich werden. Diesen Wunsch sprechen die wenigsten Brasilianer offen aus. Aber immer mehr äußern offen ihre Gleichgültigkeit: über das Turnier im Allgemeinen, aber auch über ihre Mannschaft im Besonderen. Nicht, dass sich ohne Rousseff etwas ändern würde, aber sie soll doch bitte schön nicht noch politisch profitieren von einem Triumph der Seleçao.

Notfalls werden Polizei und Armee die WM schützen

Não vai ter copa? Das ist nur auf den ersten Blick anmaßend. Natürlich wird diese Weltmeisterschaft stattfinden, zur Not mit einem gigantischen Polizei- und Militäraufgebot, das alle Proteste weit weg hält von den Stadien. Doch eine WM der Oberschicht unter Polizeischutz ist keine richtige WM. Kein Fest des Volkes, das auf den Straßen feiert und die Welt willkommen heißt. Kein Sommermärchen im brasilianischen Winter.