Bürgerkrieg in Syrien : Das Netz der Lügen

"Kaum ein Krieg wird so falsch dargestellt wie der Syrien-Krieg", schreibt Jürgen Todenhöfer, Autor, Publizist und ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter in einem Beitrag für den Tagesspiegel online. Sein Beitrag ist plump, ärgerlich - und in Teilen absurd, antwortet unser Autor in einer Entgegnung.

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Rauch steigt auf über der syrischen Hauptstadt Damaskus.
Rauch steigt auf über der syrischen Hauptstadt Damaskus.Foto: dpa

Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Kein vernünftiger Mensch würde dieser Einschätzung widersprechen. Denn nicht ein einziger militärischer Konflikt kommt ohne Propaganda aus. Oder wie Jürgen Todenhöfer es ausdrückt: "Kriege leben von der Lüge." Aber zum Glück gibt es ja Menschen, die Bescheid wissen und – einen Tusch, bitte – "das Netz der Lügen" zerreißen.

Todenhöfer hält sich offenkundig für einen derartigen Bescheid-Wisser - vor allem wenn es um den mörderischen Konflikt in Syrien geht. Und er fühlt sich berufen, uns Naivlinge endlich aufzuklären. Schließlich wird seiner Meinung nach kein Krieg so falsch dargestellt wie der in Syrien: Die eigentliche Bedrohung für die Menschen dort sei nicht etwa Herrscher Baschar al Assad, sondern US-Präsident Barack Obama, der im Grunde sogar gemeinsame Sache mit Terroristen mache. Eine abwegige These? Nicht für den erfolgreichen deutschen Sachbuchautor! Seiner festen anti-amerikanischen Überzeugung nach sitzt der Bösewicht nicht in Damaskus, sondern in Washington. Klingt ziemlich absurd – und das ist es auch.

Wer ist schuld am Syrien-Krieg? Die Frage, wer Opfer ist, ist einfacher zu beantworten.
Wer ist schuld am Syrien-Krieg? Die Frage, wer Opfer ist, ist einfacher zu beantworten.Foto: rtr

Saudi-Arabien befeuert den Krieg

Sicherlich, einige Beobachtungen Todenhöfers treffen zu. Zum Beispiel, dass die radikalen islamistischen Kräfte immer mehr Einfluss gewinnen. Ebenfalls unbestritten: Al Qaida und Co. hassen Freiheit und Demokratie. Sie kämpfen einzig und allein für eine Diktatur religiöser Fanatiker. Auch die Waffenlieferungen haben fraglos vieles im geschundenen Land noch viel schlimmer gemacht. Ebenso trifft es zu, dass Saudi-Arabien anscheinend alles daran setzt, den Krieg zu befeuern.

Aber diese Hinweise sind Allgemeingut. Das weiß wohl auch Jürgen Todenhöfer. Ihm geht es ohnehin um etwas anderes: Amerika als Schurken zu entlarven. Und wie er das tut, ist streckenweise in seiner Plumpheit ein Ärgernis. Denn Nachweise bleibt der einstige entwicklungs- und rüstungskontrollpolitische Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion generell schuldig.

Kaltherzige, machtpolitische Spielchen

Etwa für seine hanebüchene These, Amerika habe den Krieg in Syrien inszeniert und "stelle täglich sicher, dass sein Feuer nicht erlischt". Und zwar nur, um Assad als Irans Verbündeten zu beseitigen. Im Prinzip hat Washington also die Aufstände gegen den Herrscher in Damaskus gekapert, um seine kaltherzigen machtpolitischen Spielchen zu treiben. Ob die Oppositionellen, die in Daraa oder Homs auf die Straße gegangen sind und gegen das Regime protestiert haben, diese Sichtweise teilen? Todenhöfer geht sogar noch einen aberwitzigen Schritt weiter, wenn er schreibt: "Sie (die USA) hätten Assad auch bekämpft, wenn er Demokrat gewesen wäre." Wirklich? Warum sollte Washington daran interessiert gewesen sein? Nur um Teheran zu schwächen? Eine ziemlich absurde Vorstellung. Keine Frage: Den USA mangelt es zuweilen im Nahen Osten an Orientierung. Aber der politische Kompass ist ihr nicht völlig abhandengekommen.

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Noch etwas anderes stört und verstört an Todenhöfers mit Ressentiments aufgeladenen Anklageschrift, die Amerika als wahren Übeltäter überführen soll: Sie gerät zu einer Art Verteidigungsschrift für den Schurken Assad.

Dessen Anhänger ist Todenhöfer nach eigenem Bekunden nicht. Und er moniert auch, dass etwa die Bombardierung von Wohngebieten keinesfalls zu rechtfertigen sei.

Dennoch scheint Todenhöfer weiterhin mit Assad zu rechnen. Ein Verhandlungspartner könne der Machthaber sein. Einer, der womöglich zu Zugeständnissen und freien Wahlen bereit sei. Das soll wohl heißen, es könnte für Assad eine Zukunft im Land geben. Die geschundenen, unterdrückten und verzweifelten Syrer, die millionenfach ihre Heimat verloren haben, dürften das wohl anders sehen. Denn als Opfer des Krieges kennen sie die Wahrheit.

Der Autor arbeitet in der Politikredaktion des Tagesspiegels, ist promovierter Historiker und war von 2005 bis 2011 Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung.

Lesen Sie hier den Beitrag von Jürgen Todenhöfer, auf den der Autor geantwortet hat.

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