Comeback der Atomkraft : Die Briten finden die deutsche Energiewende falsch

Die Briten bauen neue Atomkraftwerke. Denn die deutsche Energiewende halten sie für falsch. Was nicht heißt, dass Wind und Wasser nicht genutzt würden. Aber den deutschen Perfektionismus wollen sie nicht nachahmen.

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Die Strahlung in Atomkraftwerken wird permanent überprüft.
Die Strahlung in Atomkraftwerken wird permanent überprüft.Foto: Reuters

Die Mehrheit der Briten hat sich in dieser Woche nicht über die neuen Kernkraftwerke aufgeregt, die ihre Regierung bei dem französischen Staatskonzern EDF und zwei chinesischen Staatsbetrieben bestellt hatte. Ihnen war der Streit um die rasant steigenden Energiepreise wichtiger. Wie ein Stromschlag wirkte die Intervention des früheren Tory-Premiers John Major, der gemeinsame Sache mit Labour-Chef Ed Miliband machte und warnte, viele stünden im Winter vor der Wahl: essen oder heizen. Miliband treibt Premier David Cameron mit einer Kampagne für einen Energie-Preisstopp vor sich her. Majors Vorschlag einer Strafsteuer für Energieversorger war nicht hilfreich. Der Furor wuchs, die Atomentscheidung war Ende der Woche abgehakt.

Im deutschen Wahlkampf wurde die Debatte über Machbarkeit und Kosten der Energiewende unter den Teppich gekehrt. Bei den Briten sind die Energiekosten 18 Monate vor der Wahl ein Kampfthema – dabei liegen ihre Preise weit unter den deutschen. Die jetzige zehnprozentige Preiserhöhung der Stromversorger grämt sie mehr als die 100-Prozent-Preiserhöhung für 2023, die der Energieminister mit seinem Atomstrom-Garantiepreis aushandelte, der doppelt so hoch wie der heutige Marktpreis ist. Weiß wirklich jemand, ob das kurz- oder weitsichtig ist?

Kritik an dem Abkommen gibt es viel, die Ablehnung des Atomstroms, Hauptmotiv der deutschen Energiewende, gehört aber nicht dazu. Es ist irreführend, von einer „britischen Energiewende“ zu sprechen. Der nukleare Beitrag zum pragmatischen Mix der Energiequellen stand nie zur Debatte.

Die Zeit drängt

Sogar „grüne“ Denker von James Lovelock bis Stephen Emmott glauben, dass globaler Klimaschutz ohne Atomstrom für die Grundlast nicht machbar ist. Labour beschloss die Wiederaufnahme des Atomprogramms vor zehn Jahren, zögerte die Umsetzung aber unschlüssig hinaus, was den Deal nun teuer und schwierig macht. Deutschlands international unkoordinierter Atomausstieg nahm die deutschen Atombauer aus dem Rennen. Und die Zeit drängt. Großbritannien muss in den nächsten zehn Jahren 60 Prozent seiner Generatoren erneuern, weil schmutzige Kohle und alte Akws vom Netz gehen. Die Regierung, so das ergebene Urteil, hatte keine Wahl.

Warum sehen die Briten nicht die Alternative einer deutschen „Energiewende“? Sie verfolgen das „Experiment“ wie sie es sehen, bewundernd, verwundert, gar, schreibt der „Economist“, „mit vorgreifender Schadenfreude“. Nachahmen will es keiner. Man sieht, wie die Energiepreise in den USA sinken und in Deutschland steigen. „Romantische Deutsche riskieren wirtschaftlichen Niedergang durch ruinöse grüne Träume“, kommentieren Zeitungen die Kosten von einer Billion Euro. Die Briten würden das nicht akzeptieren. Im Gegenteil. Cameron kündigte an, teure grüne Auflagen abzuschwächen.

Die Briten lehnen Industrialisierung der Landschaft ab

Was nicht heißt, dass Wind und Wasser nicht genützt würden. Großbritannien holt bei erneuerbaren Energien mächtig auf und wird die für 2020 gesetzten Ziele erreichen. Bei Off-Shore-Windparks ist Großbritannien führend, man forscht an Wellen- und Gezeiten- Kraftwerken, auf dem Land werden Windräder installiert. Aber die Menschen lehnen die Industrialisierung der Landschaft durch Turbinen und Stromleitungen zunehmend ab. Das schlagendste Argument für die neuen Akws war die Grafik mit dem Platzbedarf der 30 000 Windturbinen, die man für eine vergleichbare Leistung bauen müsste. Jedes Land hat seine eigene Romantik.

Die Briten tasten sich behutsamer an die Energiezukunft heran als Deutschland und setzt auch auf Internationalisierung. Vier der sechs großen Versorger sind Ausländer. Deutschland prescht allein voran und hofft auf einen „First Mover“-Vorsprung. Großbritannien, die älteste Atomstromnation der Welt, weiß, wie schnell solche Vorteile verloren sind – wie Deutschlands Vorsprung in der Solarenergie. Labour verkaufte 2005 in nüchterner Pragmatik den letzten britischen Atomhersteller, Westinghouse, weil seine Technologie nicht zukunftsfest war. Auch in der Nukleartechnologie sieht man in der Zusammenarbeit mit führenden Atomnationen wie Frankreich und China eine bessere Strategie als in nationaler Eigenbrötlerei. Mitnehmen können die Ausländer ihre Akws nicht und gebaut werden sie nach britischen Standards.

Kann wirklich jemand sagen, wer die größeren Risiken eingeht? Energiepolitik muss die Versorgung sichern, Klimaschutz betreiben und für Verbraucher und Wirtschaft bezahlbar bleiben. Aber vor allem muss hier und heute konsensfähig bleiben, wie diese Aspekte ausbalanciert werden.

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