Countdown zur US-Wahl: Noch 39 Tage : Glaube, Kinder, Vorhaut

Noch 39 Tage bis zur US-Wahl: In einem Countdown berichtet Malte Lehming, Chef der Meinungsredaktion des Tagesspiegels, ab heute täglich aus den Vereinigten Staaten. In seinem zweiten Beitrag schreibt er über Religionsfreiheit und das auch hier umstrittene Thema der Beschneidung.

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Auch in New York - der Stadt des Multikulti - wird kurz vor der Wahl über Beschneidung bei Jungen diskutiert.
Auch in New York - der Stadt des Multikulti - wird kurz vor der Wahl über Beschneidung bei Jungen diskutiert.Foto: dpa

Der Kommentar endet mit bitteren Worten. Die Juden, die einst in diese Stadt flohen, weil sie frei sein wollten, stünden wohl bald vor der Wahl – entweder sie ziehen vor Gericht, praktizieren zivilen Ungehorsam oder wandern in einen der Nachbarstaaten aus. Das Editorial erschien am 12. September 2012 in der Tageszeitung „The New York Sun“. Es befasst sich mit „der größten Bedrohung für tiefreligiöse Juden“, ausgerechnet in New York, der größten jüdischen Stadt der Welt, ausgerechnet durch deren Oberbürgermeister Michael Bloomberg, einen Juden, und ausgerechnet beim Thema Beschneidung.
Ja, auch in New York wird über Beschneidung gestritten. Freilich geht es nicht um das Ritual als solches, sondern nur um einen bestimmten Teil davon, der in einigen ultraorthodoxen Gemeinden praktiziert wird. Bei der „metzitzah b’peh“ saugt der Mohel mit seinem Mund das Blut von der Wunde ab. Bei rund 3600 Beschneidungen pro Jahr wird diese Praxis in New York angewendet. Von einer kleinen Minderheit also.
Doch auch die kann laut und zornig werden, wenn’s um Glaube und Tradition geht. Denn vor knapp drei Wochen beschloss die oberste New Yorker Gesundheitsbehörde, dass die „metzitzah b’peh“ nur noch durchgeführt werden darf, wenn zuvor die Eltern des Neugeborenen ausdrücklich auf das Ritual hingewiesen und über dessen Risiken aufgeklärt wurden. Anschließend müssen sich die Eltern schriftlich damit einverstanden erklären.

Malte Lehming berichtet in seinem Countdown zur Wahl aus den USA
Malte Lehming berichtet in seinem Countdown zur Wahl aus den USAFoto: Tsp

Ausgelöst worden war der Erlass durch Berichte, denen zufolge zwischen 2004 und 2011 höchstwahrscheinlich durch den Mundkontakt des Beschneiders in elf Fällen Herpes übertragen wurde. Zwei Babys starben an der Infektion, mindestens zwei weitere erlitten Gehirnschädigungen. Das wiederum bestreiten ultraorthodoxe Geistliche. Die Stadt lüge, habe keinerlei Beweise und verunglimpfe mitfühlende Geistliche, sagt Rabbiner William Handler in der „New York Times“.
Also haben er und mehr als 200 weitere ultraorthodoxe Rabbiner ihren Widerstand gegen die Verordnung angekündigt. Den Gemeindemitgliedern raten sie, die Bestimmung einfach zu ignorieren. Sie sei ein Anschlag auf die Religionsfreiheit und verstoße gegen die Verfassung. Zum erstenmal in der amerikanischen Geschichte reglementiere eine Regierung das fundamentale jüdische Gebot der Beschneidung.
Was ist los in New York? Ist Amerika nicht das Land der unbegrenzten Religionsfreiheit? Nein, auch hier kennt man den Konflikt zwischen Religionsfreiheit, Elternrecht und Kindeswohl. Die Stadt New York weist auf ein entsprechendes Urteil des Obersten Verfassungsgerichts aus dem Jahr 1944 hin. Es heißt „Prince vs. Massachusetts“.

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05.11.2012 12:03Unterstützer des amtierenden US-Präsidenten Barack Obama in Wisconsin, das als "Swing-State" gilt. Erfahren Sie mehr über die...

Damals war eine Frau namens Sarah Prince, die das Sorgerecht für ein neunjähriges Mädchen hatte, gegen die Kinderschutzgesetze von Massachusetts durch alle Gerichtsinstanzen gegangen. Prince und ihr Mann waren ordinierte Pfarrer der Zeugen Jehovas und hatten das Mädchen zur Missionsarbeit in die Innenstädte mitgenommen. Dort sollte es beten und erbauliche Literatur an Passanten verkaufen. Das indes verstieß nach Auffassung der Behörden von Massachusetts gegen das Verbot der Kinderarbeit.
Das Verfassungsgericht stimmte dem mit fünf zu vier Stimmen zu. In der Begründung hieß es, weder das Elternrecht noch das Recht auf freie Religionsausübung gelten unbegrenzt. „Eltern sind frei, zu Märtyrern zu werden, aber sie sind nicht frei, aus ihren Kindern, sofern diese nicht volljährig sind, Märtyrer zu machen.“ Das unterlegene Minderheitsvotum wurde von Richter Frank Murphy verfasst. Er schrieb: „Das Recht auf Religionsfreiheit ist zu heilig, um es ohne überzeugenden Beweis, dass es ein legitimes Staatsinteresse in gravierende Gefahr bringt, in irgendeiner Weise einzuschränken.“

Countdown zur Wahl: Malte Lehming berichtet.
Countdown zur Wahl: Malte Lehming berichtet.Grafik: Tsp

Amerikaner glauben, dass man glauben darf, was man will, und dass sich keine Obrigkeit in Glaubensdinge einmischen darf. Amerikas vielfältige religiöse Praxis widerlegt die These, dass Modernität zur Säkularität führt. Nirgendwo sonst in der westlichen Welt wird die Religionsfreiheit vehementer verteidigt als dort. Dazu gehört der leidenschaftliche Streit. Auch in New York, auch über die Beschneidung.

Malte Lehming ist Leiter der Meinungsredaktion des Tagesspiegels und war mehrere Jahre lang USA-Korrespondent dieser Zeitung


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