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DDR-Geschichte : Merkel gibt den Ostdeutschen mehr Selbstbewusstsein

16.05.2013 19:43 Uhrvon
Kaum wird Merkel vorgeworfen, sie sei mit dem DDR-System verstrickt gewesen, rückt der Osten zusammen. Foto: dpaBild vergrößern
Kaum wird Merkel vorgeworfen, sie sei mit dem DDR-System verstrickt gewesen, rückt der Osten zusammen. - Foto: dpa

Angela Merkel will im Geschichtsdialog von Ost und West Schluss machen mit den Gegensätzen Gut und Böse, Richtig und Falsch. Sie ist mit ihrem Leben in der DDR im Reinen. Mit dieser Haltung wird sie viele Ostdeutsche erreichen.

Wenn Gregor Gysi und Katja Kipping von den Linken und auch Werner Schulz von den Grünen kurz vor der Bundestagswahl die CDU–Kanzlerin als ehrliche und anständige Frau loben, dann muss Angela Merkel etwas Bemerkenswertes getan haben. Politisch auf jeden Fall. Nirgendwo sind Wähler so unentschieden wie im Osten. Nirgendwo wird das Ergebnis von Bundestagswahlen so stark beeinflusst wie im Osten. Deshalb dürfte eine Kanzlerin des Ostens einem klar als Westdeutschen erkennbaren Herausforderer Peer Steinbrück zwischen Rügen und Zwickau einen Schritt voraus sein wollen.

Vielleicht aber hat Merkel mehr als das ins Rollen gebracht. Denn darum geht es noch immer: Gelingt die Vereinigung, nicht nur auf dem Papier? Menschlich liegt weiterhin einiges im Argen, auch nach 23 Jahren und vielen Verbrüderungsfeiern. Es braucht nur ein Fünkchen, um das Feuer zu entfachen: Kaum wird Merkel vorgeworfen, sie sei mit dem DDR-System verstrickt gewesen, rückt der Osten zusammen. Reflexartig, über Parteigrenzen, irgendwie unsouverän.

Woran das liegt, ist klar: Es gibt noch immer ein großes Unverständnis zwischen Ost und West. Was zum einen am fehlenden Wissen der Wessis über die Vergangenheit der Ossis liegt. Aber natürlich auch daran, dass die Ostdeutschen selbst noch lange nicht fertig sind mit der Verarbeitung ihrer Geschichte. So werden aus Fragen schnell Anschuldigungen, Konfrontationen.

Die Ostdeutschen sind vorsichtig mit Antworten. Anfang der Neunziger war jeder Schulkoch stasiverdächtig und wurde gnadenlos aus dem Öffentlichen Dienst entfernt. Wer in der SED war – egal, warum –, war in der SPD nicht willkommen. Das hat Argwohn geschürt. DDR wird seither wahlweise als Trabi-Romantik verpimpelt oder zur Stasischlacht stilisiert. Für die meisten Ossis aber hat das eine so wenig wie das andere mit ihrer Geschichte zu tun.

Doch wen interessieren Grautöne eines Alltags in der DDR? Wer 1968 im Westen Steine auf dicke Autos geworfen hat und in Nackt-Kommunen lebte, gilt heute als cooles Mitglied einer gesellschaftlichen Befreiungsbewegung. Aber wer traut sich laut zu sagen, er sei mit Mitte 20 wegen Gorbatschow in die SED eingetreten, um die DDR zu reformieren? Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR tut das niemand. Aus Sorge vor beruflichen Problemen oder aus Angst, im Nachhinein wie ein sozialistischer Idiot dazustehen. Es ist vor allem aber die Angst vor dem harten Urteil derer, die nicht dabei waren und sich nie die Frage ehrlich beantworten mussten, ob sie unter dem Druck einer Diktatur in eine Partei eingetreten wären. Aus Karrieregründen oder einfach nur, damit die Kinder Abitur machen können.

Angela Merkel hat diesem mal trotzig verklemmten, mal konfrontativen Geschichtsdialog von Ost und West nun eine neue Facette hinzugefügt. Schluss mit dem Gegensatz von Gut und Böse, Richtig oder Falsch. „Man wird damit auch leben können“, wenn sich nun herausstellen sollte, dass sie nicht FDJ-Funktionärin für Kultur, sondern für Agit-Prop war, sagt sie. Wer so argumentiert, ist mit seinem Leben in der Diktatur im Reinen und sieht keine Veranlassung zu weiterer Rechtfertigung. Stolz ist das und selbstbewusst. Merkel wird mit dieser Haltung viele Ostdeutsche erreichen. Geschwiegen wird wahrscheinlich trotzdem weiter. Aber wachsendes Selbstbewusstsein für die eigene Geschichte ist zumindest der Anfang für einen offenen Dialog.

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