Der Krieg der Generationen : Trau keinem unter sechzig

Rentner können sich von ihren Bezügen heute fast zwölf Prozent weniger leisten als vor zehn Jahren. Die Kosten für den Demografiewandel zahlen eindeutig die Alten.

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Altehrwürdig. Dieses Wort sagt alles.
Altehrwürdig. Dieses Wort sagt alles.Foto: dpa

Von Krieg war die Rede. Von Umwälzungen, wie sie die Menschheit noch nicht erlebt hat. Landstriche leeren sich, die Zivilisation weicht, die Wölfe kehren zurück, ein neues Mittelalter steht bevor. Das schrieb der „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher.

Grund für diese Apokalypse: der demografische Wandel. Die Zahl der Alten wird immer größer, die der Jungen immer geringer. Nichts mehr wird so sein wie zuvor, es droht eine soziale Vergreisung. Im Vergleich dazu „ist der Zusammenbruch des Kommunismus unwichtig“. Das schrieb der Soziologe Claude Lévy-Strauss.

Man muss nicht jedem Überschwang folgen, aber kürzlich konnte man doch eine Ahnung davon bekommen, dass das Gerede vom „Krieg der Generationen“ vielleicht gar nicht übertrieben ist. Die Rentenpläne der großen Koalition jedenfalls haben bei nicht wenigen Politikern und Wirtschaftsbossen zu Reaktionen geführt, die das Schlimmste befürchten lassen. „Verbrechen an der nächsten Generation“, hieß es da zum Beispiel, „die Zukunft wird verfrühstückt.“ Die Alten würden überreich beschenkt, die Jungen vernachlässigt. Und das sei kein Wunder: Schließlich stellten die Alten demnächst das größte Wählerreservoir dar. Eine verantwortungslose Politik.

In Wirklichkeit aber trifft der Vorwurf der Verantwortungslosigkeit genau jene, die ihn erheben. Den Konflikt zwischen Alt und Jung, der ja durchaus existiert und sich in Zukunft noch verschärfen wird, mit solch starken Worten zu befeuern, ist fatal. Und wird noch fataler dadurch, dass er mit den falschen Argumenten geschieht.

Denn die Wahrheit ist: Die Kosten des demografischen Wandels haben bisher die Alten bezahlt. Es war im Jahr 2004, als die damalige rot-grüne Bundesregierung ein Prinzip außer Kraft setzte, das seit der großen Adenauer’schen Rentenreform von 1957 gegolten hatte, das Prinzip der „dynamischen Rente“, nach dem die Höhe der Ruhestandsbezüge an die allgemeine Einkommensentwicklung gekoppelt war. Nun wurde in die ohnehin hochkomplizierte Renten-Mathematik eine sogenannte Nachhaltigkeitsklausel eingefügt: Wenn sich die demografische Entwicklung zu Ungunsten der Rentenkasse veränderte, konnten die Renten von der Lohnentwicklung abgelöst werden.

Die Folge: Die Altersbezüge sanken kontinuierlich. In den vergangenen zehn Jahren gab es vier Mal eine Nullrunde für Rentner. Sie gingen leer aus, mochten die Löhne und Gehälter um sie herum auch steigen. Und selbst wenn es zu Erhöhungen kam, so waren sie minimaler Natur. Etwa im vergangenen Jahr, als es für Rentner in den alten Bundesländern die bemerkenswerte Steigerung um 0,25 Prozent gab, also für 1000 Euro Rente 2,50 Euro mehr pro Monat. Bei einer Inflationsrate zwischen 1,6 und 1,8 Prozent bedeutet selbst das faktisch einen Verlust.

Und das ist seit Jahren nicht anders, die Kaufkraft schwand dauerhaft. Nach Berechnungen des Sozialverbands Deutschland können sich Rentner von ihren Bezügen heute fast zwölf Prozent weniger leisten als vor zehn Jahren. Die Durchschnittsrente betrug vergangenes Jahr 1005 Euro für Männer im Westen und 508 Euro für Frauen. Die Hälfte aller Rentner bekommt – statistisch gesehen – weniger als 700 Euro im Monat, das ist kaum mehr, als die gesetzliche Grundsicherung beträgt. Und dabei handelt es sich um Bruttozahlen, von denen auch noch Kranken- und Pflegeversicherung abgehen. Das Gespenst der Altersarmut ist kein Gespenst mehr.

Darum sind die nun von der großen Koalition beschlossenen Korrekturen nicht mehr als ein Ausgleich der allergrößten Ungerechtigkeiten, mögen sie in der Summe auch mit Milliardenbeträgen zu Buche schlagen. Mütterrente, Lebensleistungsrente, Erwerbsminderungsrente, Rente mit 63, wenn einer oder eine 45 Beitragsjahre auf dem Buckel hat – das sind überfällige Verbesserungen eines schon lange unhaltbaren Zustands. Und Reichtümer sind dabei ohnehin nicht zu erwerben. Für den Einzelnen bewegen sich die Steigerungen stets im Bereich weniger Euro.

Das sind Fakten, an denen es nichts zu deuteln gibt. Die Populisten, die Scharfmacher aus Politik und Wirtschaft, die sich in aller Regel ganz anderer monatlicher Kontoeingänge erfreuen, täten gut daran, sich ihnen endlich zu stellen. Und sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sich die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft nicht nur daran entscheidet, welche Chancen sie für die junge Generation eröffnet. Sondern auch daran, wie sie mit ihren Alten umgeht.

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