Der Papst und die "Titanic" : Der zivilisatorische Rückschritt

Was würde wohl passieren, wenn die "Titanic" den Propheten Mohammed verspotten würde und der Zentralrat der Muslime in Deutschland eine einstweilige Verfügung gegen das Blatt erwirkte? Genau das Gegenteil von dem, was jetzt passiert, meint unser Kolumnist.

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Karikatur: Klaus Stuttmann
05.02.2017 19:46

Wo ist eigentlich der zivilisatorische Fortschritt geblieben? Der Mann, der Mittfünfziger mit den weitläufigen Geheimratsecken und der Brille im Gesicht, ist angesichts des Vatikans ziemlich irritiert. Da kann er ihn nämlich nicht entdecken, den zivilisatorischen Fortschritt. Es ist ja so: Wenn nun eine satirische Zeitschrift, sagen wir die „Titanic“, den Propheten Mohammed verspotten würde auf ihrem Titelblatt, was wäre da los? Muslime würden aufschreien, in erster Linie die Hardcore-Muslime, aber vielleicht auch andere. Wahrscheinlich würden Todesdrohungen ausgesprochen, Demonstrationen vor dem Verlagsgebäude der „Titanic“ abgehalten, und die Redakteure müssten sich fürchten. Und wahrscheinlich würde der Zentralrat der Muslime in Deutschland eine einstweilige Verfügung gegen das Blatt erwirken.

Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Und wir anderen, wir, die auch zu Deutschland gehören, würden dann unsererseits aufschreien, allen voran Franz Josef Wagner von der Satirezeitung „Bild“, würden von Zensur reden, vom Recht auf die eigene Meinung und ihrer Freiheit, und würden die zivilisatorische Rückständigkeit des Islam beklagen.

Aber das ist ja alles nicht passiert. Tatsächlich hat eine satirische Zeitschrift, nämlich die „Titanic“, den christlichen Vizegott, Gottes Stellvertreter auf Erden, Papst Benedikt XVI., auf ihrem Titelblatt verspottet.

Bildergalerie: Die umstrittenen Bilder der Titanic

Die "Titanic" gegen den Rest der Welt
Die "Titanic" gibt nicht auf: Die Redaktion will sich gegen das Verbot der aktuellen Ausgabe wehren. Mit dieser Montage werden Besucher der Webseite derzeit begrüßt. Stein des Anstoßes ist das aktuelle Cover. Der Papst höchstpersönlich fühlt sich mit der Darstellung in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt. Ein Gericht gab ihm Recht. Nicht zum ersten Mal gerät die "Titanic" in Konflikt mit der Kirche und ihren Würdenträgern.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Screenshot
11.07.2012 13:53Die "Titanic" gibt nicht auf: Die Redaktion will sich gegen das Verbot der aktuellen Ausgabe wehren. Mit dieser Montage werden...

Was ist nun los? Christen schreien auf, nicht nur die Hardcore-Christen, allen voran Franz Josef Wagner von der Satirezeitung „Bild“. Ein Politiker, einer von der Christlich Sozialen Union, fordert indirekt die Abschaffung von Artikel fünf des Grundgesetzes – das ist der, der regelt, dass Zensur bei uns im zivilisatorischen Fortschritt nicht stattfindet – und verlangt, dass dem Chefredakteur der „Titanic“ die „Lizenz zum Schreiben“ entzogen wird. Und zwar nicht der Zentralrat der Christen in der Welt, der Vatikan, aber der Vizegott höchstpersönlich erwirkt eine einstweilige Verfügung gegen das Blatt. Der Mann, der eingangs erwähnte und irritierte, denkt, dass jeder das Recht hat, verspottet zu werden.

Was den Propheten Mohammed angeht, so ist dieses Recht auf Verspottung noch einzuklagen und noch nicht durchgesetzt in der zivilisatorischen Rückständigkeit des Islam. Will der Papst da wieder hin? Es geht um die Grenzen des guten Geschmacks, heißt es, das Bild eines besudelten Papstes und dessen undichten Stellen nach dem heiligen Stuhlgang aber übertrete diese Grenze. Wer die festlegt? Wahrscheinlich Franz Josef Wagner.

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