Meinung : Der Untergang von Atlantis

Das US-Programm mit Space Shuttles war ein Irrtum, aus dem wir lernen sollten

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Die Erde hat sie wieder. Gestern, in den frühen Morgenstunden des 21. Juli, rollte die Raumfähre „Atlantis“ auf der Landebahn des Weltraumbahnhofs in Cape Canaveral aus, zum letzten Mal. Die Nasa-Mitarbeiter traten in die Dunkelheit und begrüßten das aus dem Orbit zurückgekehrte Ungetüm. Es war ein feierlicher Moment – und ein wehmütiger Abschied, ein letztes Verneigen vor dem Dinosaurier aus dem Space Age. 135 Missionen in 30 Jahren absolvierten die Space Shuttles, zwei der fünf Raumfähren wurden zerstört, 14 Astronauten starben.

Aber es gab nicht nur die schrecklichen, sondern auch die schönen Momente und großartigen Leistungen. Es waren Shuttle-Missionen, mit deren Hilfe die Internationale Raumstation zusammengebaut, Forschungssonden ausgesetzt, das Weltraumteleskop „Hubble“ repariert und die Auswirkungen der Schwerelosigkeit und des Weltraums auf belebte wie unbelebte Materie studiert wurde. Was als mächtiger Aufbruch in die Zukunft gedacht war, gar als Teil einer kosmischen Evolution des Menschen, hinterlässt am Ende dennoch mehr Fragen als Antworten.

Als die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa das Space-Shuttle-Programm erdachte, tobte der Vietnam-Krieg. Nach den so spektakulären wie aufwendigen Apollo-Mondmissionen plante sie, für einen Bruchteil der Kosten in die Erdumlaufbahn zu fliegen. Das Space Shuttle war als preiswertes Weltraumtaxi gedacht. Eine teure Illusion, denn es war nicht damit getan, vor jedem neuen Start die Reifen aufzupumpen und Startraketen am Shuttle zu befestigen. Vor einer Mission vergingen Monate mit Wartungsarbeiten und Vorbereitungen, jeder Start kostete eine halbe Milliarde Dollar. Die Nasa hatte den immensen Aufwand unterschätzt, den sie treiben musste, um 100 Tonnen Raumfähre und -fracht aus den Klauen der unerbittlichen Erdanziehungskraft zu befreien. Und ihr Management hatte die Risiken nicht wahrhaben wollen, denen Menschen bei Flügen ins All ausgesetzt sind. Technisch gesehen führten die Space Shuttles in eine Sackgasse.

Die Zukunft der bemannten Raumfahrt steht mehr denn je in den Sternen, auch die Tage der Internationalen Raumstation sind gezählt. Vorerst werden die amerikanischen Astronauten auf russische Sojus-Kapseln angewiesen sein, um zur Raumstation zu gelangen. Aber weil der Kalte Krieg vorbei ist, stört das nicht mehr weiter. Künftig sollen von Privatfirmen im Auftrag der Nasa entwickelte Trägersysteme in die Erdumlaufbahn fliegen. Mal sehen, was daraus wird. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Auch die erhoffte Rückkehr zum Mond oder gar Flüge zum Mars sind ungewiss. Die Erde hat die Nasa wieder, die Zukunft der Raumfahrt wird bescheiden.

Schuldenkrisen, Klimawandel, Energiewende, Überalterung, Hungersnöte: Natürlich beschäftigen die brennenden Probleme der Gegenwart viel mehr als menschliche Ausflüge ins All. Zugleich ist in den letzten Jahrzehnten allerdings etwas gewachsen, das man kosmisches Bewusstsein nennen könnte: Ein Gefühl und Gespür nicht nur für die Kostbarkeit und Unersetzlichkeit des blauen Planeten, sondern auch für die rätselhafte Unermesslichkeit und Schönheit des Kosmos. Daran haben auch die Flüge der Raumfähren ihren Anteil. Immanuel Kant, dessen Gemüt der „gestirnte Himmel“ mit „immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht“ erfüllte, hätte seine Freude an den Weltall-Schnappschüssen des Hubble-Teleskops. Das brachte ein Shuttle in die Umlaufbahn.

Das Raumfähren-Programm mag ein Irrweg gewesen sein. Ein Irrtum wäre es nur, wenn wir nichts aus seinen Fehlern lernen würden.

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