Deutsch-französische Freundschaft : Das Nicht-Verhältnis von Merkel und Hollande

Mit dem Elysée-Vertrag wurde vor 50 Jahren die deutsch-französische Aussöhnung gefeiert. Mittlerweile wächst die Entfremdung der beiden Regierungen von Merkel und Hollande - und zwar auf deutscher Seite.

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Freundliche Gleichgültigkeit zwischen Merkel und Hollande.
Freundliche Gleichgültigkeit zwischen Merkel und Hollande.Foto: dpa

Weit war er, der Weg nach Westen. Erste Schritte liegen lange zurück. Einer der wichtigsten war vor 50 Jahren der Elysée-Vertrag zur deutsch-französischen Aussöhnung. Doch wird das Jubiläum hierzulande nicht eben gefeiert. Der mittlerweile überwiegenden Mehrzahl der Deutschen, nach dem Krieg geboren, ist das entspannte Verhältnis zum großen Nachbarn derart selbstverständlich, dass sie es nicht mehr als Besonderheit wahrnimmt.

Aber es ist mehr als freundliche Gleichgültigkeit, die in diesem Jahr spürbar wird. Gewiss ist es nicht das Verhältnis der beiden Regierungschefs, an dem sich der Zustand der wechselseitigen Zuneigung bemisst; sonst müsste man am Nicht-Verhältnis von Angela Merkel und François Hollande schier verzweifeln. Nein, es ist eine leise wachsende Entfremdung – und zwar auf deutscher Seite.

Wie ein Seismograf wirkt die Kunstausstellung „Über Deutschland“ im Pariser Louvre, begleitet von einer Flut von Veranstaltungen zu deutscher Kultur. Während die französische Öffentlichkeit begeistert reagiert, kehren hiesige Kundschafter verärgert zurück. Haben doch die Franzosen uns wieder alles Dunkle und Widervernünftige angehängt und ziehen eine Linie von der Romantik geradewegs zum Nazi-Regime!

Nichts falscher als das. Nur sagt das Fehlurteil weniger etwas über Frankreich aus als über eine verunsicherte deutsche Geisteswelt. In Paris steht deutsche Kultur derzeit im Mittelpunkt. Peter Stein inszeniert dort ebenso wie Thomas Ostermeier, und die Pariser Oper nimmt „Hänsel und Gretel“ ins Repertoire, weil sie nicht nur etwas für Kinder sei. So ist denn die Verärgerung über das vermeintliche Bild der Franzosen von der götterdämmerungssüchtigen deutschen Kultur eher eine narzisstische Kränkung: Ja, wir sind Romantiker, Weltflüchtige, mehr gefühls- denn vernunftgelenkt – aber wir wollen das nicht von anderen hören. Können „die“ uns überhaupt verstehen? Nein, sie können es nicht.

Dabei übt das Unverständliche und bisweilen Unverstehbare am deutschen Denken gerade in Frankreich eine bemerkenswerte Faszination aus. Deutsche Philosophen, ob Hegel oder Nietzsche, stehen seit jeher hoch im Kurs, deutsche Dichter und Denker, mögen sie auch Exil-Pariser gewesen sein wie Heinrich Heine oder Walter Benjamin, füllen jedes Universitätsseminar. Umgekehrt ist das, seien wir ehrlich, weniger der Fall. Das kluge Deutschland-Buch der Madame de Stael, dem die Louvre-Ausstellung ihren Titel entlehnt, zählt in Frankreich zum Bildungserbe, aber sicher nicht östlich des Rheins. Selbstverständlich bringt es die vertiefte Beschäftigung mit dem Nachbarn mit sich, intellektuelle und mentale Unterschiede oder gar Gräben zwischen den beiden Ländern auszuloten. Daran ist nichts Schlimmes. Europa ist zum Glück der Kontinent der Vielfalt.

Schlimm wird es, wenn sich eine Seite gekränkt zurückzieht und vom politisch, ökonomisch, kulturell wichtigsten Nachbarn nichts mehr wissen will. 50 Jahre Beschwörung einer politisch gestifteten Freundschaft waren vielleicht doch eher Wunsch als Wirklichkeit. Umso mehr ist es Zeit, die Wirklichkeit dem Wunsch wiederanzunähern und Neugier als Anteilnahme willkommen zu heißen.

Deutschlands Charakterisierung als „Land der Dichter und Denker“ geht übrigens auf Madame de Stael zurück. Es war stets als großes Kompliment gemeint.

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