Deutsche Identität : Keine Spuren im Sand

Die Deutschen haben eine besondere Form der Angst, meint Malte Lehming: Sie sind auf der Flucht vor Schuld.

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Pedro Mira arbeitet in Ludwigsburg bei der Ausstellung "Sandwelt 2013" an dem Kunstwerk "Das Urteil des Paris".
Pedro Mira arbeitet in Ludwigsburg bei der Ausstellung "Sandwelt 2013" an dem Kunstwerk "Das Urteil des Paris".Foto: dpa

Menschen machen sich schuldig, ob sie wollen oder nicht. Das zu erkennen, kann schmerzhaft sein. Entwertet es nicht die Moral? Nein, das tut es nicht. Trotzdem sollten Menschen bestrebt sein, stets das Richtige zu tun, sie sollten sich bloß vor der Hybris hüten, dass ihnen das auch stets gelingt.

Ein Beispiel: Der Frankfurter Polizeipräsident Wolfgang Daschner musste handeln, als er Magnus Gäfgen im Verhör gegenübersaß und inständig hoffte, den von diesem entführten Jungen Jakob von Metzler noch retten zu können. Daschner entschied sich falsch, jede andere Entscheidung wäre verkehrt gewesen. Wer glaubt, der eigenen Schuldhaftigkeit entgehen zu können, ist anmaßend.

Deutsche haben sich zwischen 1933 und 1945 kollektiv in einem so hohen Maße schuldig gemacht, dass sie seitdem auf der Flucht sind vor Schuldhaftigkeit überhaupt. Sie ertragen es nicht, Spuren zu hinterlassen. Sie treibt der Drang, ihre Handlungen über Jahrzehnte im Voraus zu berechnen. Daher rührt eine spezifische Form der Angst. Lange Zeit wurde sie mit der Angst vor konkreten Katastrophen verwechselt – vor der Atomenergie, der Umweltverschmutzung, der globalen Klimaerwärmung, vor Kriegen, unsauberen Lebensmitteln, dem Kinderkriegen. Aber all das sind nur Ausformungen derselben Grundfrage: Wie vermeide ich Schuld?

Diese Frage klingt zunächst honorig. Im Kriegsfall etwa, wie in Afghanistan, interessieren sich die Deutschen kaum dafür, was ihren Soldaten widerfährt, aber sehr stark dafür, was diese anderen antun. Während sich die Militärführung von Amerika, England oder Frankreich in der Regel dann rechtfertigen muss, wenn eine hohe Zahl eigener Opfer zu beklagen ist, kreist in Deutschland der größte Skandal um den von Oberst Georg Klein befehligten Luftangriff bei Kunduz, durch den viele afghanische Zivilisten zu Tode kamen. Das wiederum diagnostizieren Mitglieder anderer Nationen als eine Art der Autoaggression. Die Deutschen geißeln sich gern selbst.

Beispiele der kollektiven Überbereitschaft, sich an jedem Elend schuldig fühlen zu wollen, gibt es zuhauf. Wenn in Bangladesch eine Textilfabrik einstürzt, sind dafür nicht etwa der Architekt und die örtliche Bauaufsicht verantwortlich, sondern deutsche Verbraucher, die billige T-Shirts kaufen. Im Verfahren gegen die rechtsextreme Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) stehen nicht allein Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte vor Gericht, sondern auch der Rassismus der Deutschen. Für Überschwemmungen in Asien, Hungersnöte in Afrika und Hurrikans in der Karibik müssen sich vor allem auch deutsche Autofahrer rechtfertigen, die zu viel CO2 in die Luft pusten.

Und nicht zuletzt die Euro-Debatte. Man nehme die hohen Arbeitslosenzahlen der Mittelmeeranrainer plus ein paar Hitlerbärtchen oberhalb des Merkel-Mundes – schon fragen viele Deutsche zerknirscht, ob nicht die sogenannte Austeritätspolitik der Kanzlerin schuld an der Misere sei. Verdrängt wird, dass von Austeritätspolitik eigentlich kaum die Rede sein kann. Im vergangenen Jahr haben die 17 Staaten der Euro-Zone 375 Milliarden Euro neue (!) Schulden gemacht. In Spanien liegt die Neuverschuldung bei zehn Prozent des BIP, ebenso in Griechenland. Frankreich wird nicht nur in diesem, sondern auch im nächsten Jahr die EU-Defizitgrenze deutlich überschreiten.

Keine Frage, dass wir bei all diesen Phänomenen durchaus Kausalketten finden oder zumindest konstruieren können. Doch konsequent gedacht würde uns das Aufspüren all solcher Kausalketten rasch zur Handlungsunfähigkeit verdammen. Ist nicht bereits Autofahren ein Akt grober Fahrlässigkeit? Jeder kennt doch die Statistik! Müssten nicht auch Fußgänger Helme tragen, für den Fall des Unfalls? Ist nicht der Verzehr von Erdbeeren aus Spanien und Avocados aus Chile viel zu transport- und energieaufwendig? Und wer in diese Welt noch Kinder setzt, um ihnen Rekordschulden und Klimakatastrophe zu vererben, könnte ebenso gut Roulette spielen.

Vielleicht stellen wir uns mit unserem Folgenabschätzungswahn manchmal selbst ein Bein. Wissen wir zum Beispiel, ob Bio wirklich besser ist? Womöglich werden in hundert Jahren all jene Menschen evolutionär bevorzugt worden sein, deren Körper gelernt hat, mit einigen Chemikalien und künstlichen Aromastoffen fertig zu werden. Wissen wir, ob teurere T-Shirts wirklich das Los der Textilarbeiter in Bangladesch verbessern oder diese nicht in Arbeitslosigkeit und noch größere Armut stürzen?

Leben heißt, Spuren zu hinterlassen. Leben heißt auch, nicht alle Folgen des Handelns abschätzen zu können. Leben heißt zuletzt, auch dann den Mut für Entscheidungen aufzubringen, wenn die Konsequenzen nicht klar sind.

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