Die kulturelle Lust am Untergang : Zukunft als Katastrophe

Das Ende der Welt, wie wir sie kannten: Warum die apokalyptische Fantasie so modern ist.

Eva Horn
Szenenbild aus dem Hollywoodfilm "I am legend".
Szenenbild aus dem Hollywoodfilm "I am legend".Foto: promo

Ein Mann rast im Sportwagen durch Manhattan, vom Washington Square aus die Fifth Avenue herauf in Richtung Midtown. Es ist taghell, aber die Straßen sind leer. Geparkte Autos am Straßenrand, niemand sonst auf der Straße. Dafür wächst in den Ritzen des Asphalts verdächtig viel Gras. Die Kamera fährt hoch und man sieht: Der Mann ist der einzige Mensch in der Stadt. Nur das ferne Röhren seines Motors tönt über der Innenstadt. Am Times Square steht mannshohes Gras, in dem Damwild grast. Was einst ein Hexenkessel von Menschenmassen, Werbung und Verkehrschaos war, ist nun zugewachsen und überflutet von warmem, ruhigem Spätsommerlicht. Es herrscht vollkommene Stille.
Der Vorspann des Films „I am Legend“ (2007) ist ein Bild wie aus einem Traum: eine leere Großstadt, Pflanzen, die die ewig verkehrsverstopften Straßen überwuchern, Tiere, die sich in dieser Wildnis wieder eingerichtet haben. Der letzte Mensch, der in dieser leeren Stadt lebt, hat plötzlich Ruhe und Platz, ist entlastet von den Zumutungen sozialen Dauerkontakts. Aber dem Film geht es nicht um Kulturkritik und auch nicht um die heimlichen Träume gestresster Städter. Es geht um die ultimative Katastrophe, ein Ende der Menschheit. Dr. Neville (Will Smith) ist der einzige Überlebende einer menschengemachten Virusepidemie, die nicht nur New York, sondern fast die ganze Welt entvölkert hat. Er ist der letzte Mensch, zugleich Zeuge und Opfer eines Endes der menschlichen Spezies. Dennoch berührt uns dieses Bild des still zerfallenden, menschenleeren und von Ranken überwucherten New York nicht nur als Schreckensbild. Es ist auch ein heimlicher Wunsch: ein Bild post-apokalyptischer Ruhe, die nur einkehren kann, wenn der Mensch endlich wieder verschwunden sein wird.
Das Bild einer Erde ohne Menschen hat in jüngster Zeit eine seltsame, aber symptomatische Konjunktur. Thomas Glavinics Roman „Die Arbeit der Nacht“ (2006) entwirft ein Wien, das über Nacht ohne Wiener ist; ein einziger Mensch bleibt übrig, um die neue Leere zu durchstöbern und nach seinen Freunden zu suchen. Aber diese Fantasie beschränkt sich nicht auf Romane und Filme. Informiert durch Archäologen und Bauingenieure, imaginiert der Sachbuchautor Alan Weisman eine zukünftige Verfallsgeschichte unserer Städte und Architekturen, ebenfalls unter der Voraussetzung, dass plötzlich alle Menschen vom Erdball verschwunden sind. Sein Bestseller „The World Without Us“ (2007) erzählt Geschichten von der Vergänglichkeit von Häusern, Brücken und prominenten architektonischen Wahrzeichen, wenn sie ohne menschliche Wartung der Natur ausgesetzt sind. Schon wenige Jahre nach dem Verschwinden des Menschen wird Beton bröckeln, werden Stahlseile reißen und Brücken einstürzen; in den Hochhäusern werden Gräser wuchern und Tiere nisten, bis schließlich die Stockwerke ineinander kollabieren. Weisman führt eine Welt vor, die vom Druck der Menschheit endlich „entlastet“ wäre. Seine Ausgangsfiktion vom plötzlichen, kampf- und spurlosen Verschwinden des Menschen ist auf eine seltsame Weise tröstlich: Ist der Mensch erst weg, verwischen irgendwann seine Spuren, die Welt gerät wieder in eine natürliche Balance, wird blühen und grünen. Ein Narrativ von Krankheit und Heilung, Druck und Entlastung – bizarrerweise erzählt von dem Wesen, das selbst die Krankheit war. Der Mensch träumt von der eigenen Auslöschung.
Die Fiktion von der Erde ohne Menschen ist symptomatisch für eine höchst aktuelle apokalyptische Fantasie, die vom Mainstream-Kino bis zum naturwissenschaftlichen Sachbuch, vom philosophischen Essay bis zum Roman reicht. Zweifellos hat sie mit dem Zerbrechen einer modernen Zeitordnung zu tun, in der Zukunft noch ein Raum der Hoffnung, Planung und Gestaltung war, ein Ort der Utopien. Aktuelle Entwürfe des Zukünftigen sind von diesem hoffnungsfrohen Ton denkbar weit entfernt. Ihr Modus ist das Futur II, ihr Gegenstand „Zukunft als Katastrophe“. Mit bemerkenswerter Insistenz starren wir gegenwärtig auf dieses Bild. Der „apokalyptische Ton“ (Derrida) kehrt heute in den unterschiedlichsten Spielarten und Diskursformen wieder: im Kino (von Roland Emmerich bis Lars von Trier), in der Literatur (von Cormac McCarthy und Michel Houellebeqc bis Kathrin Röggla und Thomas Glavinic), im populären Sachbuch, in Computerspielen, in der soziologischen und philosophischen Zeitdiagnose (von Ulrich Beck bis Harald Welzer, Peter Sloterdijk und Bruno Latour), in den Naturwissenschaften (von der Geologie bis zur Klimawissenschaft), und neuerdings sogar in der notorisch fortschritts- und wachstumseuphorischen Ökonomie. Imaginierte, prognostizierte und antizipierte Störfälle und Untergangsszenarien bebildern ein Zukunftsgefühl, das ein in den letzten Jahren immer wieder verwendeter Titel schön auf den Punkt bringt: „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten.“ Die Gegenwart fühlt sich auf ein Ende zustolpern, auf eine Zukunft, die ein Strategiepapier der Rückversicherung Swiss Re tiefsinnig auf den Punkt bringt: „Zukunft ist keine Frage der zeitlichen Ferne. Zukunft ist das, was sich gravierend vom Gegenwärtigen unterscheiden wird.“ Gefasst ist darin Zukunft als radikaler Bruch mit dem Jetzt, etwas, das wir von der Gegenwart aus weder antizipieren noch verhindern können: der Großunfall, der sich morgen ereignet, ebenso wie der Weltuntergang in Millionen von Jahren.

Die Fiktion von der Erde ohne Menschen

Die Bezeichnung für einen solchen unabsehbaren und radikalen Umschlag ist sehr alt und stammt unmittelbar aus der Literatur: „katastrophe“, wörtlich eine „plötzliche Wendung nach unten“, in der Dichtungstheorie der Umschwung hin zum bösen, tragischen Ende. Es lohnt sich, dessen Geschichte und historische Szenarien näher zu betrachten, statt unterschiedslos vom „Apokalyptischen“ zu sprechen. Es ist nämlich erst die Romantik, die einen Katastrophenbegriff erfindet, in dem Gott keine Rolle mehr spielt. Plötzlich sind die Menschen mit ihrem Desaster allein, und das Ergebnis dieses säkularen Blicks ist bitter: Die Katastrophe wird zum ultimativen Test auf eine Menschheit, die sich in ihr nicht als edel, hilfreich und gut zeigt, sondern als jämmerlich, egoistisch und grausam. Im zwanzigsten Jahrhundert wird „Katastrophe“ dann zum Schlagwort der Zeitdiagnose: Irgendetwas ist immer im Begriff, sich zu einer Katastrophe auszuwachsen: „Etwas nimmt seinen Lauf“, heißt es in Becketts „Endspiel“. Am prägnantesten hat Walter Benjamin dieses Zeitgefühl auf den Punkt gebracht: „Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es ,so weiter’ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene … Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe.“
Das gegenwärtige Bewusstsein einer nahen und doch gänzlich unabsehbaren Katastrophe sucht exakt diese zwei entgegengesetzten Vorstellungen miteinander zu verbinden: auf der einen Seite die aus der Dichtungstheorie stammende Bedeutung eines plötzlichen Bruchs, die auch das Zukunftskonzept der Rückversicherung noch informiert; auf der anderen jenes von Benjamin auf den Punkt gebrachte Gefühl, dass die eigentliche Katastrophe die Fortführung des Jetzt sei.
Zukunft als Katastrophe ist die exakte Verbindung von Kontinuität und Bruch, die Vorstellung, dass gerade die Fortführung des Gegenwärtigen auf einen Umschlag, eine katastrophische Wendung zuläuft. Die heute geläufigste Metapher, die der alten Bildlichkeit von der plötzlichen „Wendung nach unten“ zu neuer Aktualität verhilft, ist der „tipping point“, der Kipp-Punkt. Er bezeichnet jenen Punkt, in dem ein vormals stabiler Zustand plötzlich instabil wird und in etwas qualitativ anderes umschlägt. Im „tipping point“ sozialer Prozesse tritt etwas gänzlich Neues hervor, einfach dadurch, dass zum Beispiel ein paar wenige, gut vernetzte Menschen beginnen, ein Virus, eine Marke oder auch ein bestimmtes soziales Verhalten zu verbreiten.
Allerdings kennen nicht nur soziale Dynamiken solche Umschlagspunkte, sondern auch andere komplexe Systeme wie etwa Finanzmärkte, das Klima oder Ökosysteme (man denke an das berühmte „Kippen“ von Seen). Hier wird der „tipping point“ bedrohlich: die Möglichkeit, dass durch die reine Akkumulation von kleinen Schritten und alltäglichen Verhaltensweisen eine Situation kippt, aus der Balance gerät. Fast überall lassen sich solche „tipping-points“ identifizieren: im Klimasystem, in den Ökosystemen der Meere, im Sozialstaat, in den Finanzmärkten, im Verkehrswesen, in den nicht erneuerbaren Energieressourcen und im Konsumverhalten. Sie addieren sich, wie Harald Welzer und Claus Leggewie 2009 schrieben, zu einer „Metakrise“: „Die Grenzen des Wachstums zeigen sich in nie dagewesener Deutlichkeit. Nicht nur der Klimawandel kann aus dem Ruder laufen und Gesellschaften scheitern lassen. Die Kipp-Punkte stellen eine Gefahr dar, die bis dato der Fantasiewelt von Katastrophenfilmen vorbehalten war.“
Heute leben wir mit dem Gefühl einer „Katastrophe ohne Ereignis“

Das Problem ist, dass solche systemischen Umschlagspunkte schwer abzusehen sind. Denn gerade selbstregulierende Systeme wie Ökosysteme, Märkte oder Gesellschaften können sich lange trotz aller krisenhaften Tendenzen immer wieder selbst in eine Balance bringen – bis sie jenen gefährlichen Punkt des plötzlichen Umschlags erreicht haben. Der Begriff des „tipping point“ meint genau das: dass Regulierung irgendwann nicht mehr stattfinden kann, dass ein System irgendwann „gesättigt“ ist (wie es in der Chemie heißt), oder dass (mit einem Ausdruck aus der Physik) eine „kritische Masse“ erreicht wird. „Tipping points“ werden also nicht durch Entscheidungen hervorgerufen, sondern sind Phänomene der spontanen Emergenz: Aus einer kaum bemerkbaren Tendenz, aus winzigen Schritten entwickelt sich eine einschneidende Änderung der Verhältnisse. Diese Änderung lässt sich nicht ableiten oder vorhersehen, gerade weil sie sich nur einem winzigen quantitativen Zuwachs oder einem scheinbar zu vernachlässigenden Nebeneffekt verdankt. Sie sind deshalb ungeheuer schwer zu vorherzusehen, verschleiert vom Anschein einer Stabilität, die suggeriert, dass es immer so weitergehen wird.
Genau darin besteht das gegenwärtige Bewusstsein einer Zukunft als Katastrophe: das Gefühl, sich an einem solchen „tipping point“ zu befinden, wo die bloße Fortsetzung des Alltäglichen sich langsam zu einem katastrophischen Bruch aufaddieren könnte. Nicht zufällig sind die Katastrophenszenarien, die heute am intensivsten diskutiert werden, Zusammenbrüche hyperkomplexer Systeme wie Ökosysteme, Finanzmärkte, Ozeane und allen voran das Klima. Hatten wir im Kalten Krieg noch die greifbare Schreckvision einer nuklearen Katastrophe durch den berühmten „Knopfdruck“, so leben wir heute mit dem Gefühl einer „Katastrophe ohne Ereignis“. Vielleicht ist die vielbeschworene Klimakatastrophe darum nur ein Name, der dazu dient, der Katastrophe ohne Ereignis eine Greifbarkeit, konkrete Szenarien, eine wissenschaftliche Disziplin und nicht zuletzt zaghafte Versuche der politischen Regulierung zu geben.

Eva Horn, geboren 1965 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik, Allgemeine Literaturwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Bielefeld, Konstanz und Paris. Sie ist Professorin am Institut für Germanistik der Universität Wien. Im Fischer Verlag ist gerade von ihr erschienen: „Zukunft als Katastrophe. Warum wir unsere Zukunft schwarz malen“ (480 Seiten, 24,99 Euro)
Eva Horn, geboren 1965 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik, Allgemeine Literaturwissenschaft, Romanistik und Philosophie...Foto: corn/www.corn.at

Denn natürlich ist die menschengemachte Veränderung des Klimas nicht das einzige Problem, sondern eher eine Kurzformel für die Metakrise von ungezügeltem Ressourcenverbrauch, anthropogenem Klimawandel, klassischen Umweltproblemen, absehbaren Energie-, Wasser- und Ernährungskrisen und Bevölkerungswachstum. Die Katastrophe ohne Ereignis besteht unheimlicherweise gerade in der Kontinuität, im schieren Weitermachen. Sie hat keine klar benennbaren Schuldigen wie der Atomschlag. Und sie hat keinen präzisen Moment oder Ort, nicht einmal ein einzelnes Szenario – vielmehr viele, große und kleine, deutliche und undeutliche, wahrscheinliche und unwahrscheinliche Zeitpunkte, Lokalitäten und Verlaufsformen. Genau darum, so scheint es, stürzen wir uns auf Fiktionen, die dieser Unheimlichkeit greifbare Bilder geben können. Das dumpfe untergründige Gefühl ist, dass die Fortsetzung des Gegenwärtigen, der „Fortschritt“ genau zu jener Zukunft führen wird, die „sich gravierend vom Gegenwärtigen unterscheiden wird“. Und nicht zum Guten.

Eva Horn, geboren 1965 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik, Allgemeine Literaturwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Bielefeld, Konstanz und Paris. Sie ist Professorin am Institut für Germanistik der Universität Wien. Im Fischer Verlag ist gerade von ihr erschienen: „Zukunft als Katastrophe. Warum wir unsere Zukunft schwarz malen“ (480 Seiten, 24,99 Euro)

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